Die Woche der nationalen Aufwallung wäre wieder einmal ausgestanden. Der Geist der Kronen Zeitung schwebte über der Angelobung der Rekruten auf dem Heldenplatz, das österreichische Antlitz hat sich, wie gewohnt, von seiner archetypischen Seite gezeigt. So sicher wie die Ansprache des Bundespräsidenten fand sich auch die alljährliche Stolz-Umfrage ein, in der sich die Österreicherinnen und Österreicher im Stolz auf ihre eher selten bestiegenen Berge und ihre phäakisch genossene Küche als praktisch nicht zu schlagen erwiesen. Neuerlich nachgelassen hat ihr Stolz nur auf die von ihnen gewählten Politiker, das könnte sich aber wieder ändern, wenn dieselben dem Aufruf des Bundespräsidenten folgten, den parlamentarischen Korruptionsausschuss nicht zu einem Instrument des gegenseitigen Verunglimpfens zu machen, und wenn Faymann auf seiner neuen Homepage einen überzeugenderen Auftritt liefert als Failmann auf der seinen.

Wie hierzulande jeder nationalen Großtat schlug auch dieser sofort Misstrauen entgegen: Um 200.000 Euro Steuergeld wolle sich der Bundeskanzler Sympathien und Wähler sichern - ein schnöder Verdacht, und ein ungerechter dazu. Wenn er alle seine Botschaften, die der breiten Öffentlichkeit des Boulevards vorzuenthalten bisher fahrlässig gewesen wäre, ab sofort über seine Homepage transportiert, würde das dem Steuerzahler viele Millionen ersparen, allerdings Failmann womöglich einen kleinen intellektuellen Vorsprung verschaffen. Dennoch, die gute Sache wäre es wert, dieses Risiko auf sich zu nehmen, könnte es doch den Anteil der Österreicher, die stolz auf ihre Politiker sind, bis zum 26. Oktober 2012 glatt von vier auf sechs Prozent hinaufpeitschen.

Die über alljährliche Routine hinausgehende nationale Offenbarung hatte das stolze Volk aber einem Homo austriacus neueren Typs zu verdanken, und zwar schon ein paar Tage zuvor. Da lüftete Walter Meischberger vor Gericht ein Zipfelchen vom "System Österreich", das jeder gute Lobbyist kennen muss, wenn er wissen will, wo seine Leistung war. Was ihm zunächst nicht einfallen wollte, strömte nach früherem Stocken dann doch. Jahrelanger Arbeit und Analyse habe es bedurft, um den Buwog-Deal unter Dach unter Fach zu bringen. Und einer "Lebenserfahrung", erworben unter Jörg Haider, angewandt unter Wolfgang Schüssel, vormaliger Kanzler, spätberufener Designer von Tarockkarten.

Neben besagter "Lebenserfahrung" habe er auch sein Netzwerk eingebracht, überhäufte er das Gericht geradezu mit Leistungsnachweisen, wo man bisher glaubte, das hätte bereits der Mann in der Regierung getan, dessen Trauzeuge er war. Wisse er auch nicht mehr, wer ihm die entscheidende Information zugesteckt habe, so doch so viel: Der war es nicht. Weshalb er auf "feinstoffliche Informationen" angewiesen war, die noch anderen "hundert Personen" bekannt gewesen, aber nur ihm zur Nutzung zugeflogen wären.

Man muss eben empfänglich sein für jenes Phlogiston, das bei der Verbrennung öffentlichen Eigentums entweicht, dann steht dem Stolz auf das "System Österreich" nichts mehr im Wege. Wenn nur das Gericht mitmacht! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.10.2011)