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"Nix Katharsis, nix Läuterung, aber Lesekompetenz": Der Büchnerpreisträger 2011, Friedrich Christian Delius.

Foto: Katja Lenz/dapd

STANDARD: Herr Delius, Glückwunsch zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2011 an Sie. Büchner beschrieb den dramatischen Dichter als Geschichtsschreiber, dessen Aufgabe es sei, "der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe wie möglich zu kommen". Ist höchste Authentizität für Sie ein Anliegen?

Delius: Authentizität ist ein sehr schwammiger Begriff, über das, was "authentisch" ist oder sein soll, kann man streiten. Ich denke eher daran, bei jedem Projekt möglichst solide zu recherchieren - und dann aus subjektiver Sicht mich einer Geschichte oder ihren Figuren zu nähern, so nahe wie möglich natürlich. So wie Büchner das in Dantons Tod und Lenz und Woyzeck getan hat.

STANDARD: In Ihrer Rede zur Verleihung des Fontane-Preises beklagten Sie, es werde Ihnen der schlechte Ruf eines Dokumentaristen angeheftet. Warum empfinden Sie das so?

Delius: Nun, das ist fast zehn Jahre her. Mein Ruf hat sich etwas gebessert. Ich sperre mich gegen diesen Begriff, wenn er von Dummbeuteln kommt, die damit zweitklassige Literatur meinen. Auch viele Klassiker könnte man in die "Dokumentaristen"-Schublade stecken, nicht nur Büchner. Denken Sie an Kleists Kohlhaas zum Beispiel. Ich wehre mich gegen Schubladen, egal gegen welche.

STANDARD: Fühlen Sie sich als Dichter verkannt, wenn man Sie als Chronisten betrachtet?

Delius: Den Gefallen tu ich keinem, mich als verkannten Dichter zu gerieren.

STANDARD: Tatsächlich spielt die dichterische Umsetzung Ihrer Stoffe eine große Rolle bei Ihnen. "Ich bin Formalist und Stilist", sagten Sie einmal. In welcher literarischen Tradition sehen Sie sich?

Delius: Wenn ich solche Statements abgebe, dann in polemischer Absicht gegen die, die mich als Dokumentaristen festnageln. Ich sehe mich in der Tradition von Wolfgang Koeppen.

STANDARD: "Einige Argumente zur Verteidigung der Gemüseesser" verfassten Sie auf der Grundlage einer satirischen Schrift von Jonathan Swift. Ist er ein Vorbild für Sie?

Delius: Man darf sich keine zu großen Vorbilder suchen. Als anständiger Mensch kann man nicht Proust oder Kafka, Goethe oder Swift als Vorbild haben. Nein, ich habe in diesem Buch, das war 1985, nach Wir Unternehmer von 1966 und Unsere Siemens-Welt von 1972 noch einmal die satirische Form ausprobieren wollen. Ich wollte diese Form ausreizen. Nur dafür hat Swift mit seinem Bescheidenen Vorschlag das Vorbild abgegeben, ein einziges Mal.

STANDARD: "Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte", schrieb der Satiriker und Lyriker Karl Kraus angesichts des Auftauchens des Nationalsozialismus. Wo liegt für Sie diese Grenze, ab der die Umstände der Zeit auch keine Satire mehr zulassen?

Delius: So schwarz sehe ich die Welt nicht. Satiren schreibe ich sowieso nicht mehr - die Form ist mir zu simpel. Wer mit der Sprache umgehen kann, hat viele Möglichkeiten zu antworten, wenn es sein muss mit heiterer Kompromisslosigkeit.

STANDARD: Mit der Wahl Ihrer Stoffe, sei es die unaufgearbeitete NS-Zeit, die Studentenunruhen 1968, der Deutsche Herbst 1977 oder die Wiedervereinigung 1989, beleuchten Sie aktuelle Themen. Was inspiriert Sie an einem Thema, es literarisch aufzugreifen? Empörung, Wut, Neugierde, oder ist es die Herausforderung, einen Stoff zu bewältigen?

Delius: Ich bin kein Aufarbeiter und kein Bewältiger. Ich stoße auf Geschichten, ich recherchiere Geschichten, ich erzähle von einzelnen Menschen. Es ist immer die Neugierde, die mich treibt. Ich stehe zum Beispiel vor dem Birnbaum in Ribbeck, nur wenige Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer, und höre einen Ribbecker Bauern reden und reden, ich frage, ich höre, ich frage, und plötzlich ist die Idee da: Das ist ein Buch wert. Ich denke nicht an "Wiedervereinigung", ich denke an den Bauern und den Baum. So wurde es ein Buch über "die Wiedervereinigung", haltbar bis heute.

STANDARD: In Ungarn, aber auch in vielen anderen europäischen Ländern zeichnen sich seit geraumer Zeit antidemokratische Tendenzen ab. Gibt das zur Besorgnis Anlass?

Delius: Ich beobachte, weil ich überwiegend in Rom lebe, im Moment besonders den Zerfall der Demokratie in Italien. Das besorgt mich sehr. In einem Kernland Europas wird die Gewaltenteilung beseitigt. Ein demagogisch begabter Mann, der in jedem anderen europäischen Land, erst recht in den USA, als Wirtschaftskrimineller längst hinter Gittern säße, führt die Regierung, kauft die Parlamentsmehrheit und beeinflusst die Medien zu achtzig Prozent, betreibt offen Korruption und darf mindestens drei- bis viermal pro Woche mit Zustimmung seines Justizministers gegen die Staatsanwälte und Richter des Landes hetzen, denn die dritte Gewalt beherrscht er noch nicht.

STANDARD: Sehen Sie die Gefahr, dass die Erosion in Italien eine Bedeutung für Europa hat?

Delius: Natürlich. Die italienische Katastrophe wird in Europa zu wenig beachtet. Allmählich merkt man, dass Berlusconis Politik des rücksichtslosen Eigeninteresses die italienische Wirtschaft lähmt und den Euro schwächt. Er ermuntert zur Korruption, zerstört die demokratischen Strukturen, wie soll da Vertrauen in die Wirtschaft und Währung entstehen? Die italienische Erosion kann morgen zur europäischen werden, sie ist es wahrscheinlich schon geworden, wir kennen nur die Zahlen noch nicht.

STANDARD: Steht für die nahe Zukunft tatsächlich das "Empört euch!", zu dem Stéphane Hessel aufruft, zu erwarten? Oder hat eine Resignation vor der "Gewalt des Faktischen" Platz gegriffen?

Delius: Ich finde es schon wie in Absurdistan, dass die älteren Herrschaften, in diesem Fall die über 90-Jährigen, der Jugend sagen: "Empört euch!" Ein Teil der Jugend empört sich ja. Andere Jugendliche sind mit 28 Jahren Controller in Betrieben und sorgen genau für die Pseudoeffizienz, gegen die man sich empören soll. Ich bin gegen solche Imperative. Sich informieren, sich empören, kämpfen, das soll jeder für sich entscheiden, wie weit er oder sie da gehen will.

STANDARD: "Das Nützliche in der Literatur ist das vorderhand Unnütze: Literatur kann als eine Art Grundlagenforschung gesehen werden. Grundlagenforschung der gesellschaftlichen Reibungen, die häufig zuerst von der Literatur, von der Kunst wahrgenommen werden", schrieben Sie einmal. Das führt zu der Frage, wer auf dieser Grundlage dann weiterarbeiten soll. Die Politik?

Delius: Die Leser, deren Horizonte und Sensibilitäten sich erweitern, haben beste Chancen, aktive Demokraten zu werden.

STANDARD: Bedeutet das, dass Sie sich von der Literatur eine tatsächliche Wirkung erhoffen, eine Besserung der Zustände, der Menschen, eine Läuterung, eine Katharsis?

Delius: Nix Katharsis, nix Läuterung. Aber Lesekompetenz, in jedem Alter, schafft besser als jedes andere Mittel Lebenskompetenz, das ist inzwischen wissenschaftlich hundertfach belegt. Wer nach Nützlichkeitsargumenten sucht, kann hier anfangen. Und dann weitermachen - mit Musik. (Adelbert Reif, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 29./30. Oktober 2011)