Sie sind ein Paar seit ihren späten Zwanzigern. Die ersten Jahre waren sie in getrennten Wohnungen, aber in der gleichen Stadt. Dann zog es sie aus beruflichen Gründen in ein anderes Land, jeden in ein eigenes. Aber sie haben es gewuppt und ihre Beziehung erhalten, mit Wochenendbesuchen, vielen Mails und Telefonaten. Krisen und Verknalltheiten in andere Personen wurden überstanden, lange gemeinsame Jahresurlaube absolviert. Und weil man ja so fix zusammengehört, war die gemeinsame Zukunft irgendwann, eines Tages an einem Ort und in einer Wohnung immer ein klares, gemeinsames Ziel.

Heuer im Jänner war es soweit, er ließ sich beruflich in ihre Gegend versetzen und brachte sein Köfferchen mit. Und seine Möbel. Und seine Gewohnheiten. Und seine Erwartungen. Sie hieß ihn willkommen, in ihrer Wohnung mit ihren Möbeln, ihren Erwartungen und ihren Gewohnheiten.

Der Anfang war aufregend. Interessant, wenn man immer zusammenlebt, gibt es nicht dauernd Sex. Aha, er kann auch muffig sein? Wie, sie erträgt Bitches Brew von Miles Davis nicht am Morgen? Kein Zeitungslesen am Tisch, lieber Gespräche? Gemeinsames Baden fällt aber völlig aus, weil diese Bondingrituale jetzt nicht mehr notwendig scheinen?

Das viele Pastell war ihm gar nicht aufgefallen

Später wurde es belastender. Er bekam Rückenmarkserweichung von dem vielen Pastell in der Wohnung. Das war ihm vorher gar nicht so aufgefallen. Sie wurde depressiv, weil er im Schlafzimmer nur eine Matratze, ein offenes Fenster bei jeder Temperatur und sonst nichts ertragen konnte. Weg war der Frisiertisch, die Kästen und der wirklich gemütliche Teppich.

Die Tendenz zum Unterschiedlichen wurde auch in den Essensritualen stärker. Sie frühstückte kuschelig und üppig, aß dafür nach 18 Uhr nichts mehr. Er ernährte sich bis 13 Uhr nur von Kaffee, danach war schon einmal ein Brötchen drin oder Obst. Am Abend kochte er richtig auf und völlerte mehrgängig. Aber alleine.

Sie waren entsetzt. Sie dachten, intelligenten und liebenden Menschen passiert so etwas nicht. Dass sie nämlich vielleicht gar nicht zusammenpassen. So im Alltag. Im Endeffekt erstarrten sie voreinander und brachten gar nichts mehr weiter. Stagnierten in ihrem Beruf, in ihrer Beziehung, in ihren sozialen Kontakten. Und hatten wenig zu lachen. Trauriger Zustand, wenn man sich gern hat. Aber sie harrten aus, stur waren sie beide.

Rettung

Rettung brachten nach ein paar Monaten die Sanierungspläne des Hausherren. Er teilte den Hausparteien mit, dass in den nächsten eineinhalb Jahren mehr oder weniger mit Baulärm zu rechnen sei. Wem das nicht passe, könne gerne ausziehen. Was für eine gute Idee! Sie packten ihre Sachen und zogen in eine andere Straße. Allerdings jeder in eine eigene kleine Wohnung, die nebeneinander lagen. Verbunden mit einem Balkon, damit man sich trotzdem beim anderen willkommen fühlt.

Nun macht er sich‘s bei ihr gemütlich, wenn ihm nach weich zumute ist. Sie macht ihre Yogaübungen in seiner Wohnung, wenn ihr nach pur zumute ist. Und sie blühen auf, sie haben nicht aufgegeben, sind nur ein wenig auseinandergerückt. Sie haben es geschafft.

Manche von uns hätten das wohl auch schon lange so gemacht. Wenn man nicht genau wüsste, wer Kind, Hund und Wäschehaufen ausfasst. In diesem Fall lieber in der gemeinsamen Wohnung bleiben und ab und zu Empörung leben. (derStandard.at, 7.11.2011)