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Während eines Wachstumsschubes kann sich das Sehvermögen bei Kindern sprunghaft verschlechtern.

Foto: APA/Roland Scheidemann

Glückliche Hühner laufen nicht nur vergnügt im Freien herum - sie sehen auch gestochen scharf. An der frischen Luft sind sie nämlich weniger kurzsichtig als im Labor, wenn sie mit Streulinsen und Augenklappen behandelt werden. Das liegt aber nicht an der körperlichen Betätigung, sondern an der Helligkeit, haben Studien ergeben. Sind Hühner in einem lichtintensiven Labor untergebracht sind, hemmt das auch eine fortschreitende Kurzsichtigkeit. Auch bei Kindern konnte ein Zusammenhang nachgewiesen werden: Je länger sich Kinder im Freien aufhalten, desto geringer ist das Risiko der Kurzsichtigkeit. 

Die sogenannte Myopie ist auf einen zu großen Augapfel zurückzuführen, wodurch sich der Brennpunkt des einfallenden Lichtstrahls vor der Netzhaut befindet. Das Bild ist dann bei Betrachtung aus größerer Distanz unscharf, aus kurzer Entfernung dagegen gestochen scharf. gesehen. Pro Millimeter Längenwachstum wird das Auge um etwa drei Dioptrien kurzsichtiger. 

Helles Licht kann zu einer Reduktion der Kurzsichtigkeit führen. Das wurde auch statistisch bewiesen: Im sonnigen Australien etwa stagniert der Anteil der Kurzsichtigen bei 15 Prozent, während in den USA der Anteil der Betroffenen von 1972 bis 2004 von 25 auf 41 Prozent gestiegen ist. Außerdem wird ein Zusammenhang mit einem fordernden, stressigen Schulsystem vermutet: China, Singapur und Taiwan haben seit Jahren einen konstant hohen Anteil von Myopieerkrankungen, in Singapur etwa sind es etwas über 80 Prozent der Bevölkerung. 

Sehvermögen wird mit dem Wachstum schlechter 

Umweltfaktoren wie die Lichtintensität spielen zwar eine Rolle, wenn aber die Eltern beide schon kurzsichtig sind, dann wird diese Fehlsichtigkeit mit einer 60 prozentigen Wahrscheinlichkeit an die Kinder weitergegeben. Anders als die Weitsichtigkeit ist die Myopie nämlich vor allem genetisch bedingt: etwa 30 Gene, die auf dem Chromosom 15 liegen, sollen für die Kurzsichtigkeit verantwortlich sein.

Das Auge formt sich vor allem in den ersten Lebensjahren. Ob Faktoren, wie häufiges Lesen oder Sitzen am Computer in der Kindheit bei der Entwicklung einer Myopie eine Rolle spielen, wird diskutiert. „Die Größe des Augapfels wird so früh vorgegeben, das ist noch, bevor die Kinder vor dem Computer sitzen", meint Ursula Schmidt-Erfurth, Leiterin der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie der Medizinischen Universität Wien, dazu. 

Während eines Wachstumsschubes kann sich das Sehvermögen bei Kindern sprunghaft verschlechtern. Eine hohe Myopie ist erreicht, wenn die Kurzsichtigkeit im Alter von 14 Jahren sechs Dioptrien überschreitet. Sie ist nicht bösartig und die normale Sehfunktion bleibt durch optische Korrekturen erhalten. Ab dem Alter von 20 Jahren, wenn die Jugendlichen ausgewachsen sind, bleibt die Augenlänge gleich. Dadurch verändert sich die Sehschärfe nur mehr geringfügig - oder auch gar nicht: eine Sehverschlechterung kommt meist nicht über 12 bis 14 Dioptrien hinaus. 

Gerade bei Kindern ist es wichtig, dass möglichst früh eine Brille getragen wird. „Die Netzhaut muss lernen, scharf zu sehen, damit die Verarbeitung im Gehirn besser ist", meint Schmidt-Erfurth. Es sei ein Irrtum, dass eine Unschärfe durch Augentraining wegzubekommen sei. Auch Kontaktlinsen könnten eine fortschreitende Kurzsichtigkeit nicht stoppen: Harte Kontaktlinsen drücken zwar, solange sie getragen werden, auf die Hornhaut und platten die Linse ab, erzielen aber keine bleibende Wirkung. 

Hemmwirkung durch Spezialbrillengläser

Wie kann also eine fortschreitende Kurzsichtigkeit (progressive Myopie, Anm. Red.) verhindert werden? Nicht nur der Aufenthalt im Freien spielt eine Rolle: Pharmakologische Mittel sollen die Bildverarbeitung und Signalerzeugung auf der Netzhaut beeinflussen und die Lederhaut stabilisieren. Diese ist nämlich mit der Netzhaut verwachsen und formt das Auge. Durch den großen Augapfel bei der Kurzsichtigkeit wird sie durch die Dehnung stark beansprucht. Bisher wurde eine wirksame Substanz, Atropin, entdeckt, die die Kurzsichtigkeit hemmt. 

Geforscht wird auch an Spezialbrillen: Die meisten Brillen erzeugen derzeit eine relative Weitsichtigkeit in der Peripherie, also außerhalb der Stelle des schärfsten Sehens, dem gelben Fleck. Die Netzhaut versucht daher, das Augenwachstum zu verstärken. Wenn nun die Brillen in der Peripherie statt Weitsichtigkeit relative Kurzsichtigkeit erzeugen, sendet die Netzhaut daraufhin ein wachstumshemmendes Signal aus, weil die Schärfeebene vor der Netzhaut liegt. Studien in China haben bereits eine Hemmwirkung bei Kindern nachweisen können - derzeit noch mit einem geringen Effekt. Die Erwartungen an diese neue Idee sind jedoch hoch: die Spezialbrillen sollen zu einer Halbierung der fortschreitenden Kurzsichtigkeit führen. 

Hört die progressive Myopie nach der Pubertät auf, so haben die Betroffenen in den mittleren Lebensjahren aufgrund der Dehnung der Netzhaut ein höheres Risiko einer Netzhautablösung. „Diese Netzhautablösung kann zu Blutungen und zum Einwachsen von Gefäßen führen", erklärt Schmidt-Erfurth. Eine Kontrolle beim Augenarzt ist daher nicht nur im Kindesalter, sondern auch im höheren Alter wichtig: „Dünne Stellen in der Netzhaut können, wenn sie rechtzeitig gesehen werden, mit dem Laser versiegelt werden und so eine Netzhautablösung verhindern", ergänzt Schmidt-Erfurth abschließend.