Man mag es für übertrieben halten. Faktum ist, dass sich Profi-Anleger immer intensiver mit dem Szenario eines Zusammenbruchs der Währungsunion beschäftigen. Historische Anknüpfungen sollen Aufschluss über die mit einem Zerfall verbundenen Maßnahmen geben. Die Trennung von Tschechien und der Slowakei wird in Ökonomenzirkeln genauso herangezogen wie das Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Vor allem nach der De-facto-Pleite Griechenlands wird größeres Augenmerk darauf gelegt, wo Staatsanleihen begeben wurden und welcher Jurisdiktion sie unterliegen. Vereinfacht gesagt, gilt: Wurde beispielsweise eine Schuldverschreibung Athens nach griechischem Recht aufgelegt, würden die Gläubiger in der neuen lokalen Währung bedient, also möglicherweise in Drachmen. Bei international emittierten Anleihen blieben die Forderungen in Euro in der Regel aufrecht. Griechenland müsste den Gegenwert also trotz der wahrscheinlich massiven Abwertung der nationalen Währung aufbringen. Relativ simpel wäre die Rechtslage bei einem Staatsbankrott. Der Schuldenschnitt würde in Fremdwährung entsprechend größer ausfallen als in lokalem Geld, heißt es in einer von der japanischen Großbank Nomura verfassten Analyse.

Griechenland hat übrigens 94 Prozent seiner Kredite nach nationalem Recht aufgenommen. Dass eine Rückkehr zur Drachme bei gleichzeitiger Benachteiligung internationaler Gläubiger rechtlich überhaupt möglich ist, hängt mit der "Lex Monetae" zusammen. "Das ist die Souveränität eines Staates über seine Geldangelenheiten", umschreibt Michael Waibel, Völkerrechtler an der Universität Cambridge, den Terminus.

Chaos oder nicht?

Viel hängt davon ab, ob ein Austritt aus der Eurozone verhandelt wird oder chaotisch erfolgt. Für ersteres sehen manche Experten im Artikel 50 des EU-Vertrags, in dem der Austritt aus der Union geregelt ist, einen Anknüpfungspunkt. Andere verweisen auf die Wiener Konvention, die aber von mehreren Staaten wie Frankreich nicht unterzeichnet wurde.

So richtig kompliziert würde es, wenn nicht nur Austritte aus der Eurozone erfolgen würden, sondern die Währungsunion komplett zerfiele. Selbst bei einer Wiedereinführung nationaler Devisen wäre eine Abwicklung höchst undurchsichtig. Ein Beispiel von Nomura: Eine britische Bank hat einem polnischen Unternehmen einen Eurokredit gewährt.

Da hülfe ein Währungskorb nach dem Muster des Ecu, dem künstlichen Vorgänger des Euro. Hier könnten Paritäten ermittelt werden, die einem längeren Durchschnitt vor dem Start der Währungsunion 1999 entsprechen. Diese Umstellung könnte sogar auf nach internationalem Recht begebene Schuldtitel angewendet werden, heißt es in dem Report. Die niederländische Bank ING rechnet damit, dass die Drachme 80 Prozent, die spanische Peseta 50 Prozent, Lira und irischer Punt ein Viertel zur D-Mark verlieren würden.

Jedenfalls folgern die Analysten, dass Anleihen von Krisenstaaten, die nach nationalem Recht begeben wurden, eine Risikoprämie verdienen. Das würde vor allem kleinere Staaten treffen: Belgien hat beispielsweise Staatsanleihen im Wert von 130 Milliarden außerhalb der Eurozone begeben, Österreich immerhin von 88 Milliarden. Waibel meint, dass derartige Betrachtungen bisher von den Marktteilnehmern kaum angestellt worden seien, sich die Situation aber geändert habe. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Printausgabe, 7.12.2011)