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Knapp jede 50. Geburt war in Österreich im Vorjahr eine Mehrlingsgeburt.

Foto: APA/Ulrich Perrey

Was haben Julia Roberts, Angelina Jolie, Mariah Carey, Lisa Marie Presley und Jennifer Lopez gemeinsam? Sie sind Mütter von Zwillingen. Ob es sich dabei um eine familiäre Neigung handelt oder ob künstlich nachgeholfen wurde, weiß die Öffentlichkeit in den meisten Fällen nicht. Zumindest bei einem Teil der Zwillingsschwangerschaften Hollywoods müsste laut Statistik die Reproduktionsmedizin aber ihre Hände im Spiel haben.

Trends werden bei Prominenten am schnellsten sichtbar - doch auch hierzulande nimmt die Zahl an Zwillingen kontinuierlich zu. Knapp jede 50. Geburt war in Österreich im Vorjahr eine Mehrlingsgeburt. Ein Grund dafür ist der Trend zur späten Schwangerschaft, denn Frauen bringen mit zunehmendem Alter überdurchschnittlich häufig Zwillinge zur Welt - auch ohne medizinische Unterstützung. "Die Erstgebärende war 1970 noch 21 Jahre alt, heute ist sie zwischen 28 und 29 Jahren. Das gesamte Reproduktionsalter hat sich nach hinten verschoben und dadurch das Risiko für Probleme während der Schwangerschaft, für Frühgeburten und Mehrlinge erhöht", erklärt Angelika Berger, interimistische Leiterin der Abteilung für Neonatologie, pädiatrische Intensivmedizin und Neuropädiatrie am Wiener AKH.

Zwillinge: Höheres Risiko für Mutter und Kinder

Eine Mehrlingsschwangerschaft ist immer eine Risikoschwangerschaft. "Grundsätzlich ist der Mensch für Einlingsschwangerschaften konzipiert, daher sind Mehrlingsschwangerschaften mit einer Fülle von zusätzlichen Risiken behaftet", betont Peter Husslein, Leiter der Uniklinik für Frauenheilkunde der Universität Wien. Das Hauptrisiko ist die Frühgeburt und damit einhergehend Probleme mit Atmung, Kreislauf und Stoffwechsel. "Unsere Kinderintensivstationen sind voll mit Mehrlingen", so Husslein. Zwillinge kommen im Durchschnitt drei Wochen früher auf die Welt als Einlinge, mehr als die Hälfte der Zwillinge hat ein Geburtsgewicht von unter 2.500 Gramm. In Österreich liegt die Frühgeburtenrate bei elf Prozent - ein Spitzenwert, auch innerhalb der europäischen Länder. Bei Mehrlingsschwangerschaften liegt diese Rate noch weit höher, wie auch das Komplikationsrisiko während der Schwangerschaft und der Geburt.

Durch die überdurchschnittliche Zunahme des Bauchumfangs, kann es gegen Ende der Schwangerschaft zu Atembeschwerden und einer höheren Wahrscheinlichkeit für Schwangerschaftsstreifen kommen. Die Entbindung ist bei Mehrlingen risikoreicher und erfolgt häufiger operativ. Zudem besteht für das zweitgeborene Kind bei einer vaginalen Geburt ein höheres Risiko. Neben den physischen sind es vor allem psychische Probleme, die Eltern belasten. Die Angst vor Komplikationen oder einer Frühgeburt und folglich Entwicklungsstörungen der Kinder sind bei einer Mehrlingsschwangerschaft wesentlich präsenter.

Art der Zwillingsschwangerschaft bestimmt Risiko

Das Risiko für Komplikationen hängt vor allem von der Art der Zwillingsschwangerschaft ab. Ein Drittel aller Zwillingsschwangerschaften sind eineiig (monozygot), wobei sich davon zwei Drittel eine Plazenta teilen (monochorial). Diese monozytoten-monochorialen Zwillinge haben das größte Risiko für Komplikationen während der Schwangerschaft. Eine ungleiche Versorgung der zwei Embryos und in der Folge Ungleichheiten im Wachstum können auftreten. Hierbei kann ein Kind derart mangelhaft versorgt sein, dass es zu einem intrauterinen Fruchttod kommt, wodurch auch der überlebende Zwilling geschädigt werden kann. Zweieiige (dizygote) Zwillinge werden hingegen immer von zwei Plazenten versorgt und haben das geringste Risiko für Komplikationen.

Kontrollierte Reproduktionsmedizin

An einigen der Schrauben für die hohe Anzahl an Frühgeburten und Mehrlingen könne man nur sehr schwer drehen - zum Beispiel am Alter der Mütter. "Was sich leicht machen ließe, wäre den reproduktionsmedizinischen Beitrag zu den Frühgeburten und Mehrlingen zu kontrollieren", so Husslein. Denn ein weiterer Faktor, der die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften wachsen lässt, sind Fruchtbarkheitsbehandlungen und künstliche Befruchtungen. "Mit vernünftigen Richtlinien in der Reproduktionsmedizin könnte die Frühgeburtenrate um ein bis zwei Prozent gesenkt werden", schätzt Berger. Damit wäre Österreich ungefähr bei einer Frühgeburtenrate von neun Prozent, wie auch Deutschland.

In Österreich gibt es keine gesetzliche Reglementierung für künstliche Befruchtungen. Es existieren zwar Richtlinien der reproduktionsmedizinischen Gesellschaften* wie viele befruchtete Eizellen einer Frau eingesetzt werden sollten, verpflichtend sind diese aber nicht. "Theoretisch könnte man auch sieben Embryonen einsetzen und riskieren, dass höhergradige Mehrlinge entstehen", erklärt Berger. "In diesem Geschäft spielt viel Geld mit und es ist wahrscheinlich eine ziemliche Illusion zu glauben, dass sich lediglich durch Richtlinien oder Handlungsempfehlungen grundlegend etwas ändern wird", ist die Neonatologin überzeugt. Sie plädiert für ein Gesetz, das die Anzahl an maximal implantierbaren Embryonen regelt, sowie den Single-Embryonen-Transfer, also das Einsetzen nur eines Embryos, forciert. Peter Husslein ist gegen eine gesetzliche Verankerung: "Gesetzlich ist deshalb nicht unbedingt zielführend, weil immer dann, wenn sich in der Reproduktionsmedizin etwas ändert, ein neues Gesetz benötigt wird. Man muss das in einer Form machen, die flexibler ist, weil es in diesem Fach ständig Änderungen und neue Erkenntnisse gibt." Der Mediziner tritt dafür ein, die Empfehlungen der Reproduktionsmediziner, die stark von der Embryonenqualität und dem Alter der Frau abhängen, durch das Gesundheitsministerium verpflichtend zu machen.

Neben künstlichen Befruchtungen sind es vor allem Hormonstimulationen, die zu Mehrlingen führen. Hierbei wird der Eierstock medikamentös mit Tabletten oder Injektionen dazu gebracht, mehr als eine befruchtungsfähige Eizelle zu produzieren. Wird hormonell überstimuliert können beim Geschlechtsverkehr unter Umständen gleich mehrere Eizellen befruchtet werden und Drillinge, Vierlinge oder, wie im März dieses Jahres im Wiener AKH, sogar Fünflinge entstehen. Husslein: "Die Fünflinge, die in diesem Jahr im AKH geboren wurden, sind kein Erfolg der Reproduktionsmedizin, sondern ein Versagen. In diesem Fall ist es gut ausgegangen - und zwar durch ungeheuren Aufwand und Glück."

Pränatale Reduktion

Um die Komplikationen einer hochgradigen Mehrlingsschwangerschaft zu vermeiden, besteht die Möglichkeit einer selektiven Tötung (Fetozid) von Embryonen. Dabei wird aufgrund einer medizinischen Indikation mindestens eines der ungeborenen Kinder getötet, um die Überlebens- und Entwicklungschancen der anderen Föten zu erhöhen. Durch den Eingriff besteht das Risiko, eine Fehlgeburt auszulösen und die anderen Kinder zu verlieren. "Wir bieten bei Drillingen eine Reduktion auf Zwillinge an, bei Zwillingen tun wir das nicht", so Husslein. Diese Prozedur werde nur auf Wunsch der Frau und nach entsprechender Aufklärung gemacht. Der pränatale Fetozid ist vor allem aus ethischen Gründen umstritten, aber auch aufgrund der massiven psychischen Belastungen für die Eltern. Husslein: "Wir sind nicht daran interessiert, dass schlechte Reproduktionsmedizin gemacht wird und wir dann pränatal reduzieren. Wir sind daran interessiert, dass gute Reproduktionsmedizin gemacht wird und dafür fehlt es an verbindlichen Regeln." (derStandard.at, Dezember 2011)