DER STANDARD-Schwerpunktausgabe Patchwork

Der Entwickler bei BMW, der nebenbei als Erfinder arbeitet. Der Fotograf, der sich als Handwerker in der Freizeit betätigt - das sind die Idealszenarien einer Patchworkkarriere. Menschen, die ihren fixe Stelle gegen Selbstbestimmung eintauschen, werden kontinuierlich mehr. Doch nicht alle wählen die bunte Zusammensetzung aus verschiedenen Tätigkeiten aus rein intrinsischer Motivation: "Der Wunsch nach einem sicheren Arbeitsplatz steht bei den 15- bis 39-Jährigen immer noch an erster Stelle" , sagt Andreas Steinle vom Zukunftsinstitut in Deutschland, "aber die Wirklichkeit ist eine andere geworden."

Vor allem die Gruppe der Absolventen muss auf flexible Arbeitsmodelle zurückgreifen. Nach der Ausbildung winkt nur selten direkt ein unbefristeter Vertrag. Was aber gar nicht so schlimm ist, findet Holm Friebe, Koautor des Buches Wir nennen es Arbeit - die digitale Bohème."Die Arbeitsmarktsituation mag ein Faktor für Patchworkbiografien sein" , so Friebe. Sinn und Selbstverwirklichung im Schaffen würden bei vielen Freien und Selbstständigen dazu führen, diese Unsicherheit in Kauf zu nehmen. "Dass Papas alte Arbeitswelt den Bach runtergeht und fragmentierte Lebensläufe nur zähneknirschend in Kauf genommen werden, ist eine defensive Betrachtungsweise."

Spätes Glück

Das bestätigt auch Trendforscher Steinle. Viele würden die unfreiwillig gestartete Patchworkkarriere später als Glück erfahren. "Aktuell boomen 'Coworking Spaces', wo sich Selbstständige aus verschiedenen Bereichen zusammenschließen." Vor allem Fachkräfte und Techniker hätten reichlich Stellenangebote, würden die neue Freiheit aber nur ungern aufgeben. Eine weitere Gruppe, die auf freie Zeiteinteilung angewiesen ist, wären alleinerziehende Mütter. "Flexibilität ist in den Strukturen der alten Arbeitswelt nur schwer möglich" , so der Autor Friebe.

Weder Unternehmen noch die Regierungen in Europa hätten mit der demografischen Veränderung adäquat mitgezogen, kritisiert er. Die Sozial- und Pensionssysteme seien rein auf lineare Erwerbsbilder ausgerichtet. "Ein klarer Nachteil für freie Arbeit."Künftig werde ein buntes Portfolio mehr Aussagekraft haben als die klassischen Positionen im Lebenslauf. Die große Entscheidung falle meist nach fünf bis zehn Jahren. "Wer bis dahin Erfolg hat mit seinem Modell, bleibt dabei. Die Schiffbrüchigen sind dann bereit, in klassische Arbeitsverhältnisse zurückzukehren" , so Friebe. Werner Eichhorst vom Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit sieht Nachholbedarf bei Firmen. "Handlungsspielraum, flache Hierarchien, Kompromissbereitschaft - das sind die Köder für Hochqualifizierte. Und davon gibt es zu wenige." (Julia Herrnböck, DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.12.2011)