Man kann den Unwillen, der den Sozialphilosophen Jürgen Habermas angesichts der schwelenden Eurokrise ergriffen hat, schwerlich auf einen polemischen Nenner bringen. Polemiken mögen das Geschäft sein, das jüngere Philosophen oder Marktschreier besorgen. Jene gehören in das Beschreibungsprofil mehr oder minder profilierter Wutbürger, die das Aufspannen von EU-Rettungsschirmen als Verrat am europä-ischen "demos", an den Staatsvölkern, beklagen und damit doch nur die Absicherung ihrer zufäl-ligen ("kontingenten") sozialen Besserstellung meinen.

Wer aber wäre überhaupt als europäisches "Staatsvolk" anzusehen? Habermas' Vorschlag zu einer neuen Verfassungsordnung in Europa lässt sich überhaupt nur verstehen, wenn man das Lebenskonzept diese ehrwürdigsten aller Vernunftvertreter im Blick behält. Mag die eine oder andere Volkswirtschaft aktuell auch krachen wie eine alte Kaisersemmel: Habermas fragt nicht etwa danach, was die Europäische Union für ihre Bürger zu leisten hätte, er kehrt die Fragestellung um.

Zu leisten haben Menschen, was die Vernunft an guten Gründen für ihr ersprießliches Zusammenleben hergibt. Seinem Essay Zur Verfassung Europas hat der Denker allseitig wirksamer Verständigungsverhältnisse eine Art Vergewisserungstext vorangestellt: Habermas zeichnet darin das Entstehen der "Menschenrechte" als Bewusstwerdungsprozess nach.

In dessen Verlauf gelangen die geselligen Menschen zu der fruchtbringenden Erkenntnis, dass sie allein schon aus Zweckmäßigkeitsgründen einander anzuerkennen haben. Das Recht des Einzelnen fußt auf seiner Menschenwürde. Erst auf dem Sockel einer soliden Selbstachtung kann der Mensch dem Mitmenschen jene Anerkennung einräumen, deren er als gesellschaftliches Wesen bedarf.

Von jeher führt Habermas die Väter Kant und Hegel mit sich im Proviantgepäck. Vom Königsberger Propheten einer friedlichen Weltgesellschaft hat er das Vertrauen in den Vernunftgebrauch übernommen: Moralisches, am Gemeinnutz orientiertes Verhalten hat deswegen Aussicht auf Erfolg, weil es für sich die besten Gründe ins Treffen führen kann. Umgekehrt kann man bei Hegel lernen, was es heißt, die Welt quasi "systemisch" aufzuhellen.

Irgendwann, um nicht zu sagen: im Handumdrehen greift eine Doppelbewegung Platz, die die Menschenrechte zum einen rechtlich festschreibt ("kodifizert"), um sie andererseits über die ganze Welt zu verbreiten ("universalisieren").

In einem solchen Prozess, der sich freilich nur gattungsgeschichtlich denken lässt, nimmt die Europäische Union gerade eine Zwischenstellung ein. In ihren Vertragspapieren (Lissabonner Vertrag) scheinen alle Verfassungselemente auf, die Habermas für das Entstehen eines weltweit gültigen Rechtszustandes für notwendig erachtet.

Verfassungen sind für diesen unbeirrbaren Vernunftprediger vornehmlich dann von Wert, wenn sie den gewaltförmigen Glutkern von Herrschaftsausübung herunterdimmen. Die Verrechtlichung von Herrschaftsausübung könne in Europa aber nur auf zweierlei Art passieren: Die "Unionsbürger", durch EU-Wahlen zur demokratischen Teilhabe am Geschehen aufgerufen, sollen als gleichrangig verfassungserzeugend neben jenen "europäischen Völkern" zu stehen kommen, mit denen sie praktischerweise, aber eben nicht "rechtlich" identisch sind.

Zweierlei Subjekte, unter ein- und denselben Hut gepackt: Habermas' Argumentation atmet etwas vom Geist jener Erhabenheit, wie sie sonst bloß antiken Tempelbauten eignet. Erst indem wir EU-Bürger uns unserer Bürgerlichkeit inne werden, transponieren wir unsere Anliegen auf eine höhere Ebene.

In der Hut der Nationalstaaten verbleibt derweil das lästige Gewaltmonopol. Immerhin sind unsere Heimatländer auch Schutzzonen, die um ihrer "soziokulturellen und landsmannschaftlich-regionalen Eigenart" willen Anerkennung verdienen. Vor allem aber garantieren sie "Freiheit und Recht", da sie als die konkreten Erzeugnisse jener Emanzipationsprozesse gelten dürfen, an deren Beginn die Revolution von 1789 stand.

Erst im Kontext dieser verwickelten Genese wird nun auch klar, warum Habermas am Krisenmanagement der Unionsregierungen derart vehement Anstoß nimmt: Er schimpft über "Exekutivföderalismus" (lauter wird man einen Habermas nie die Stimme erheben hören). Abgehobene Eliten hökern an Gipfeltischen mit partikularen Interessen, wo doch zwischen EU-Rat und EU-Parlament erst ein - wie auch immer prekäres - Gleichgewicht herzustellen wäre. Man geht erschlagen und erquickt zugleich aus Habermas' geduldiger Analyse europä-ischer Herrschaftsverhältnisse hervor: Letztlich sind es wir Bürger, die unser aller Sache in die wutbürgerlich entkrampften Hände zu nehmen haben.

Klugheit und Askese

Unbehagen findet in diesem Marshallplan der reinen Verstandesbegriffe keinen Platz. Die Macht der globalen Märkte streift der weise Mann vom Starnberger See eher diskret. Das Unbehagen des Lesers hat jedoch gerade mit Habermas' Askese zu tun: Während das Komplexitätswachstum der Weltgesellschaft deren Teilnehmer vor allem mit Unannehmlichkeiten konfrontiert (Armut, Ausbeutung, Umweltschädigung), lehrt der Denker die Menschheit erst einmal weltbürgerliches Handeln. Anders gesagt: Es könnte sein, dass an jenen Orten, in die das demokratische Bewusstsein behutsam einsickern soll, die Kapitalverwertungsinteressen sich bereits häuslich niedergelassen haben.

Aus nicht weniger ungerührtem Blickwinkel unterzieht der britische Politikwissenschafter Colin Crouch die Weltverhältnisse einer begrifflichen Analyse: In Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus wird das Konsensgerede vom Primat der "Märkte" gründlich auseinandergenommen. Auch Crouch weiß von der Weltgesellschaft zu erzählen: In dieser stehe de facto nicht die Politik dem Marktgeschehen gegenüber, sondern es seien die Großkonzerne, deren globales Wirken die Sphären der Politik wie auch jene der Rechtssprechung infiltriere.

Letztlich ist es nicht der Markt, der das Spiel von Angebot und Nachfrage reguliert. Die Großkonzerne - die "Marktgiganten" unserer Tage - besetzen längst jene Schnittstellen, an denen die Anliegen der Weltbürger aufgenommen und zugunsten globalwirtschaftlicher Interessen manipuliert werden. Crouchs bestechende Analyse stimmt reichlich unfroh: Könnte es gar sein, dass wir längst nicht so rational handeln, wie es Jürgen Habermas lieb wäre? (DER STANDARD Printausgabe, 17.12.2011)