Graz - Das eigenwillige Werk des italienischen Komponisten Giacinto Scelsi (1905-1988) passt in keine der bekannten Schubladen der Moderne. Er selbst verweigerte sich der Konvention abendländischen Schöpfertums, die auf eindeutiger Autorenschaft beruht. Der Bedeutung Scelsis und dem Einfluss seines Denkens und Werks auf Komponistinnen und Komponisten in Österreich geht im kommenden Jänner ein vom Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Projekt an der Kunstuniversität Graz nach.

Scelsi, der sich selbst nie als Komponist sondern als Medium sah, machte sich in den 1930ern in Wien mit dem Zwölftonsystem vertraut. In den 1950er Jahren stürzte er nach Indien-Reisen seine Kompositionsweise völlig um und wurde ein Vorreiter der Mikrotonalität, die auf winzigen Tonveränderungen beruht. Seine Kompositionen zeichnete Scelsi lediglich auf Tonbändern auf, und ließ sie dann von Sekretären in Partiturform bringen. Die im Mai 2009 erfolgte Öffnung des Scelsi-Archivs in Rom mit seinen rund 900 Tonbändern eröffnet Musikwissenschaftern wie Elfriede Moschitz vom Institut für Musikästhetik an der Kunstuniversität Graz neue Einblicke in seinen Schaffensprozess. Sie sollen auch an der Grazer Tagung "Giacinto Scelsi heute" am 20. und 21. Jänner zur Sprache kommen.

Sein Leben lang stand Scelsi am Rand des europäischen Musikgeschehens. Sein Werk wurde erst in seinen letzten Lebensjahren einem breiteren Publikum bekannt. In dem vom FWF geförderten Projekt "Giacinto Scelsi und Österreich", in dessen Rahmen auch das Symposium veranstaltet wird, untersucht man u.a. die Rezeption von Scelsis Werk durch österreichische Komponisten. Als Ausgangspunkt für seine Rezeption in Österreich wurde besonders die Bedeutung des Standortes Graz grundlegend erforscht. "In Österreich war es das 'musikprotokoll' in Graz in den späten 80er Jahren, welches größte Bedeutung für die Rezeption und Verbreitung von Scelsis Oeuvre innerhalb Österreichs und darüber hinaus darstellte", so Projektleiter Federico Celestini vom Institut für Musikwissenschaft der Universität Innsbruck, der auch am Institut für Musikästhetik in Graz lehrt, im APA-Gespräch.

Mit Hilfe von Interviews werden noch bis April kommenden Jahres Komponisten bzw. Interpreten, Festival- und Konzertveranstalter (u.a. Georg F. Haas, Klaus Lang, Beat Furrer, Markus Hinterhäuser), nach ihren Erfahrungen und dem Einfluss der Person und des Schaffens Giacinto Scelsis auf das eigene Schaffen bzw. den Entscheidungen bei der Programmgestaltung befragt. Daneben beschäftigen sich die Forscher mit dem "Gestus des Melodischen", der Bedeutung des Mystischen für den italienischen Komponisten, wie auch die "Projektion des Mystischen auf Giacinto Scelsi". (APA)