Wien - Die Causa Aktenschwund in Liechtenstein wurzelt in einem Rechtsstreit über eine Hausdurchsuchung. Die wurde von der Staatsanwaltschaft Wien im Rechtshilfeweg beantragt; es geht um Geldflüsse in der Causa Buwog/Karl-Heinz Grasser. Bereits im November 2010 haben die Wiener das Rechtshilfeersuchen für die Durchsuchung gestellt. Tatsächlich stattgefunden hat die Razzia in der Kanzlei von Wirtschaftsprüfer Heinrich S., einem Geschäftsfreund Grassers und ehemaligem MEL-Manager, mit dem Grasser auch Treuhandverträge (Ferint AG) hatte. Die Razzia bei S., der im Buwog-Verfahren nicht beschuldigt ist, fand aber erst heuer am 12. April statt. Grund: Die Wiener gaben erst damals grünes Licht, weil sie gleichzeitig Razzien in Wien (bei Grasser) und Zürich durchführen ließen.

Gegen die Beschlagnahme hat der Anwalt des Vaduzer Wirtschaftsprüfers, ein Partner der Kanzlei Marxer & Partner und Stiftungsvorstand Grassers, Beschwerde eingelegt. Zudem waren prozessuale Fristen überschritten worden. Die Folge: Der Oberste Gerichtshof in Vaduz entschied am 7. Oktober, dass die Beschlagnahme rechtswidrig war. Diese Entscheidung wurden den Parteien am 19. Oktober zugestellt, woraufhin sich der Anwalt offenbar schnurstracks zum Gericht aufmachte - zur Akteneinsicht. Schon vorher haben die Wiener einen neuen Rechtshilfeantrag gestellt, über den demnächst entschieden werden wird.

Der Anwalt hat die Akten gleich mitgenommen. Aus einer Aussendung von Marxer & Partner: Der Anwalt habe "die Unterlagen im Zuge einer bewilligten Akteneinsicht behoben". Üblicherweise funktioniert die Akteneinsicht so, dass der Anwalt den Akt am Gericht durchsieht, Kopien bestellt und die dann später ausgehändigt bekommt.

Am Landgericht jedenfalls gingen die Akten ab, der leitende Staatsanwalt sei daraufhin in die Kanzlei Marxer gegangen, um die Sache zu klären, heißt es in der Justiz. Die Anwälte argumentieren sinngemäß so: Nachdem der OGH die Beschlagnahme für rechtswidrig erklärt habe, habe man das Recht auf die Unterlagen. Die Staatsanwaltschaft sah es nicht so, verlangte die Rückgabe der Akten.

Vergeblich: Der Akt war nicht mehr im Haus, wie sich auch bei einer Hausdurchsuchung zeigte. Denn: Der Partner aus der Kanzlei Marxer hatte die Unterlagen seinem Mandaten "unverzüglich und gegen Quittung" (Marxer & Partner) zurückgegeben.

Wiener Gutachter

Während die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen den Anwalt einleitete, überredete der den von ihm vertretenen Wirtschaftsprüfer, die Akten wieder herauszurücken. Was der laut Marxer & Partner am 28. November "freiwillig" getan habe. Und: "Spekulationen über Manipulationen entbehrten jeder Grundlage", so die Vaduzer Kanzlei.

Sie hat dem Landgericht inzwischen auch ein Privatgutachten zur Rechtmäßigkeit des Vorgehens abgegeben. Erstellt hat das der Wiener Uni-Professor (und Verteidiger von Helmut Elsner beim OGH) Peter Lewisch.(Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.12.2011)