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Das Wachstum in der Türkei trübt sich ein. Die Notenbank stützt die Währung und muss auch die Inflation in den Griff bekommen.

Foto: AP/Selcan Hacaoglu

Ankara/Wien - Die türkische Zentralbank versucht die hypernervösen Investoren zurückzugewinnen. Am Mittwoch setzte sie die Lirakäufe zur Stützung der angeschlagenen Währung fort. Mit dem Verkauf von Dollars soll der Fall der türkischen Lira abgefedert werden. 2011 hat die türkische Währung rund 20 Prozent an Wert verloren. Zwar ist die Türkei eines der am schnellsten wachsenden Länder der Welt (2011 mit einer Wachstumsrate von mehr als acht Prozent), doch der Schlingerkurs der Zentralbank hat Investoren verschreckt. Zudem rechnen Ökonomen, dass die Stützung der Lira nicht lange zu halten sein wird. Die Devisenreserven der türkischen Zentralbank seien seit Juli 2010 um mehr als zehn Milliarden Dollar auf 82,8 Mrd. Dollar gefallen, berichtet Bloomberg.

Die Zentralbank musste für die Währung in die Bresche springen, weil sie viel zu spät die Zügel für die boomende Wirtschaft angezogen hat. Am Dienstag schockte sie die Märkte mit der höchsten Inflationsrate seit mehr als drei Jahren. Um 10,45 Prozent verteuerten sich Waren und Dienstleistungen am Bosporus, fast doppelt so schnell wie das Inflationsziel der Zentralbank (5,5 Prozent) vorsieht. Die Folge an den Kapitalmärkten: "ein Blutbad", wie es Benoît Anne, Analyst von Société Générale, ausdrückt. Denn die Kosten, zu denen sich türkische Banken Dollar für ihre Lira borgen können, sind stark gestiegen.

Ein Grund für die angespannte Situation am Kapitalmarkt sei die "geldpolitische Straffung durch die Hintertür", warnt Anne. Denn die türkische Zentralbank bietet nicht mehr tägliche Refinanzierungsgeschäfte für Banken zu dem Zinssatz von 5,75 Prozent an, sondern zu deutlich höheren Zinsen.

Auf Pump

Das Land hat gerade im Boom 2011 massiv auf Pump gelebt. Das Defizit in der Leistungsbilanz schnellte zuletzt auf knapp zehn Prozent der Wirtschaftsleistung hinauf. Dieses Defizit muss durch ausländische Geldgeber ausgeglichen werden. Ökonomen des Internationalen Währungsfonds haben im jüngsten Bericht zur Wirtschaftslage bereits gewarnt, dass die Finanzierung unsicher sein könnte, weil "die kurzfristige externe Verschuldung massiv angestiegen ist". Die fallende Lira verschlimmert das Problem noch. Eine gefährliche Spirale, die in Gang gekommen ist. Fällt die Lira, steigt der Wert der Importe und das Leistungsbilanzdefizit weitet sich aus. Allein 60 Prozent des Defizits im Außenhandel kommt von den teureren Energieimporten.

Diese ökonomisch schwierige Gemengelage wird das Wachstum am Bosporus belasten. Nach mehr als acht Prozent Expansion 2011 droht eine kräftige Wachstumsschwäche. Der IWF schätzt, dass die Türkei 2012 mit zwei Prozent wachsen dürfte. Volkswirte haben nach den jüngsten Turbulenzen ihre Prognosen weiter gesenkt. William Jackson, Ökonom bei Capital Economics, rechnet mit einer Rezession, denn die Aktionen der Zentralbank führten zu gestiegenen Finanzierungskosten, strafferem Kreditangebot und sinkender privater Nachfrage. (sulu, DER STANDARD, Printausgabe, 5.1.2012)