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Edin Dzeko zwirbelt das Siegestor für Manchester City  in die Maschen.

Foto: Reuters

Wigan - Nach einem hoffnungsfrohen Finale des Jahres 2011 mit Unentschieden gegen Chelsea und Liverpool hatte Wigan Athletic, der ewige Abstiegskämpfer, zuletzt gegen Sunderland wieder eine bittere Zeit zu verleben. Das 1:4 sorgte dafür, dass man an diesem Montag in der englischen Premier League als Letzter den Ersten erwartete.

Doch auch der prominente Besuch namens Manchester City reichte nicht aus, um das ohnehin kompakt dimensionierte Stadion der Latics zu füllen. In der Industriestadt Wigan spielt eben immer noch Rugby die erste Geige. Und natürlich sprach vor dieser Begegnung auch weniger als nichts für das ehemalige Team von Paul Scharner. Nicht einmal die personelle Ausdünnung des Tabellenführers (Kapitän Vincent Kompany gesperrt, Yaya Touré beim Afrikacup, Mario Balotelli verletzt) konnte daran etwas ändern.

Ein mutiger Alleingang von Victor Moses, am Ende von einem Foul gestoppt, war der erste Akzent der Gastgeber, die bis dahin ausschließlich hintendrin Stressabbau zu betreiben gehabt hatten (2.). Nach dem folgenden Freistoß befiel aber plötzlich City ein gerüttelt Maß Panik: ein Wiganmann (nämlich der Spanier Jordi Gómez) fiel im Strafraum, James Milner fälschte einen Schuss von James McArthur in den Corner ab. Abstimmungsschwierigkeiten und die ein oder andere Schlampigkeit auf beiden Seiten bereiteten den Boden für einen durchaus unwägbaren Beginn.

Ron Stam beendete mit einer cleveren Intervention im Strafraum eine flotte Kombination des Tabellenführers über Sergio Agüero und Samir Nasri (8.). Moses gab dann erneut den Solotänzer, nach zwei sauber gebügelten Haken folgte allerdings ein Schuss mit Überdruck. Entsprechend hoch ging der über das Goal von Joe Hart (11.). Abgesehen von solchen Nadelstichansätzen lief das aber natürlich beim Tabellenführer schon kultivierter dahin, wenn auch Wigan-Keepe Ali Al-Habsi nicht gerade in Schweiß gebadet wurde. Mit dem Toreschießen hatte es City ja bekanntlich in letzter Zeit nicht so.

Ende der Dzeko-Flaute

Aber dann bekam Edin Dzeko von David Silva einen von ihm selbst herausgeholten Freistoß von links draußen vorgesetzt. Und der lange Bosnier stieg so etwa am Fünfer wie geplant himmelwärts und ließ mit einem technisch einwandfreien Hinterkopfball ins lange Eck dem omanischen Nationalschlussmann Ali Al-Habsi keine Hoffnung (22.). Es war der erste Torerfolg für den ehemaligen Wolfsburger seit November.

City hatte alles im Griff. Der zuletzt angeschlagene Silva etablierte sich als Schaltstelle, was ein bisschen fehlte war allerdings der Fokus. Etwas flotter und zielstrebiger wäre es schon noch gegangen. Man hätte stattdessen ja den ein oder anderen Schlenker einsparen können. Auch ein verblüffendes Vabanquespiel Wigans, bei dem zwei Mann im Strafraum einander den Ball so lange zuschoben bis er weg war, blieb ungenutzt. Nach einer halben Stunde war dann zur Abwechslung Hart gefragt, sich mit dem ersten Schuss auf sein Goal auseinanderzusetzen. Er stellte sich der unvertrauten Situation mannhaft und hielt.

Erst gegen Ende der ersten Halbzeit bemühte sich der durchaus sehr laufaffine Tabellenletzte wieder um Offensive. Und dieses Intermezzo hinterließ den nicht völlig unbegründeten Verdacht, dass Citys neuformierte Hintermannschaft durchaus zu beeindrucken gewesen wäre. Andererseits öffneten sich dem Favoriten nun Tür und Tor. Agüero kam bei einem Konter zum Schuss, Al-Habsi reagierte jedoch rasch und zuverlässig im Duell mit jenem Mann, der mit 14 Toren in dieser Saison beinahe so oft getroffen hat wie ganz Wigan (18).

Nach Wiederbeginn gefiel sich City dann erst einmal in der Rolle des Beobachters: Man ließ Wigan machen. Der Underdog, der seit fünf Spielen nicht mehr gewinnen konnte, fasste Mut und bekam durchaus auch Oberwasser. Erstmals war jenes kontrollierte Passspiel zu erahnen, auf das der spanische Manager Roberto Martinez seine Mannschaft eigentlich stets zu verpflichten gedenkt - für eine Fußballmannschaft aus derartig niedrigen Tabellenregionen eine außergewöhnlich noble Spielauffassung, der höchster Respekt zu zollen durchaus angebracht erscheint.

In fremdem Solo gewildert

Der erste Abschluss wurde selbstverständlich aus der Distanz gesucht: 39 Prozent aller seiner Tore hat Wigan von außerhalb des Strafraums erzielt, der höchste Wert der gesamten Premier League. McArthurs Flachschuss aus etwa 20 Metern zog sich aber doch deutlich an der linken Stange vorbei. Zehn Minuten waren so vergangen, und man war bereits geneigt Arsenal-Parallelitäten in Betracht zu ziehen, als Al-Habsi in einer Minute zweimal fabulös retten musste: erst gegen Dzeko (fliegend) dann gegen Agüero (zu Boden gehend).

Und die nächste erhebliche Gelegenheit erdribbelte sich der Argentinier gleich darauf, als er unmittelbar vor dem Tor drei Gegenspieler auf der Fläche eines Badetuchs verknotete. Just in der Sekunde seiner Schussentscheidung funkte jedoch Dzeko dazwischen, es folgte gegenseitige Irritation und das Kunstwerk war zerstört. Den final resultierenden Roller des Bosniers begrub Al Habsi unter sich. Obwohl seine Elf zweifellos zurück im Spiel war, verstand an der Seitenlinie Roberto Mancini die Welt nicht mehr.

Wigan war jetzt wieder auf sich selbst und seine Grenzen zurückgeworfen. Gegen jede Hoffnung setzte sich Moses immer wieder einmal auf eine seiner Expeditionen in Marsch, war zahlenmäßig allerings genauso oft haushoch unterlegen. Sein Sturmpartner Hugo Rodallega war nicht ganz so umtriebig, aber ebenso auf sich allein gestellt.  Milner geriet dann mit einem Ballverlust zum Ausgangspunkt der besten und einzigen wirklichen Chance des Underdogs zum Ausgleich. Während City sich noch auf dem falschen Fuß befand, leitete Rodallega das Beutegut rasch auf James McCarthy weiter. Auf Hart zustürmend konnte dieser den brillant reagierenden Tormann aber nicht überwinden (70.).

Der Klasseunterschied wurde wieder deutlicher sichtbar. Auch wenn Citys Flankenläufer Gael Clichy und Pablo Zabaleta, auf ihrem Betätigungsfeld nicht sonderlich bedrängt, von den Kollegen weiterhin zu selten in ihre Pläne eingebunden. Hier blieb Potenzial unbeackert, dem Korpus Manchesters fehlte es in Konsequenz manchmal ein bisschen an Breite. Zehn Minuten vor Schluss wurde ein Schuss Dzekos allein durch Gary Caldwells abfälschende Wade mit einem gewissen Gefahrenpotenzial aufgeladen, Al-Habsi ließ sich jedoch auch hier nicht überrumpeln und faustete den Ball über die Latte. Agüero hätte dann zum wiederholten Mal die Gelegenheit gehabt, seinem Lager blutdrucksenkende Medizin zu verabreichen. Doch mit einem Schuss aus elf Metern linksvorbei verweigerte er sich auch diesmal konsequent (85.).

Ein Griff, kein Rot

In der Schlussphase ging es ziemlich wüst her, beide Formationen hatten ein bisschen die Fasson verloren. Ein letzter Höhepunkt: Maynor Figueroa, kurz hinter der Mittelline befindlich und doch letzter Mann Wigans, blockte einen mittelhoch daherkommenden Ball, den er falsch eingeschätzt hatte, zur Sicherheit mit der Hand herunter. Die City-Betreuer gerieten außer sich und zückten reihenweise Luftkarten. Schiedsrichter Martin Atkinson folgte den in dieser Form mutmaßlich unterbreiteten Farbvorschlägen jedoch nicht und beließ es beim in Gelb gehaltenen Karton. Dabei schien es nicht unmöglich, sich aus Figueroas Vorgehen die Verhinderung einer Torchance zusammenzuspinnen, schließlich hatte hinter dem Wigan-Verteidiger noch ein potenzieller Abnehmer im Manchestertrikot (Agüero) auf den Ball gewartet.

Sei es wie es sei. Der verdiente, aber wenig beeindruckende Sieg Manchesters hatte bis zum Ende Bestand. Und wie hatte schon Gareth Barry so zutreffend vor Anpfiff geweissagt: "Du kannst die Liga nicht dauernd dominieren, fantastisch spielen und jedes Match locker gewinnen." Ebne. Und bitte: Trotz einer schwierigen Phase führt City nun die Tabelle mit drei Punkten Vorsprung auf United und deren fünf auf Tottenham an. (Michael Robausch - derStandard.at 17. 1 2012)

Premier League, 21. Runde:
Wigan Athletic - Manchester City 0:1 (0:1), Tor: Dzeko (22.)

Wigan (3:5:2): Ali Al-Habsi, Maynor Figueroa, Gary Caldwell, Ronnie Stam, Antolin Alcaraz, Jordi Gómez (Callum McManaman, 81.), Albert Crusat (Franco Di Santo, 68.), Victor Moses, James McCarthy, James McArthur (Ben Watson, 68.), Hugo Rodallega

Manchester City (4:2:3:1): Joe Hart, Stefan Savic, Joleon Lescott, Gael Clichy, Pablo Zabaleta, James Milner, Samir Nasri (Nigel de Jong, 74.), David Silva (Nedum Onuoha, 81.), Gareth Barry, Edin Dzeko, Sergio Agüero (Adam Johnson, 91.)