Graz - Eine eben in Buchform erschienene Studie beleuchtet den schwierigen Alltag von palästinensischen Frauen im Westjordanland über den Alltag von Palästinenserinnen. Die Frauen würden nahezu aufgerieben zwischen immer stärkeren patriarchalen Strukturen der eigenen Gesellschaft und den vielfältigen Auswirkungen der israelischen Besatzung auf ihr Alltagsleben, schildert die Grazer Ethnologin und Autorin Martha Tonsern.

Die Publikation versucht eine Lücke in der öffentlichen Wahrnehmung des seit Jahrzehnten anhaltenden israelisch-palästinensischen Konflikts zu füllen: Nicht die politischen Analysen, sondern die tatsächlichen Auswirkungen auf die palästinensischen Frauen, die im Westjordanland und Ostjerusalem leben, stehen im Mittelpunkt des Interesses der Autorin. Sie hat nun die Ergebnisse ihrer Dissertation am Grazer Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie unter dem Titel "Palästinensische Frauen zwischen Besatzung und Patriarchat" als Buch vorgelegt.

Prekäre Wohnsituation

Tonsern interviewte zwischen Februar und Dezember 2008 zwanzig arabisch-palästinensische Frauen aus Ostjerusalem und dem Westjordanland im Alter zwischen 15 und über 70 Jahren und lebte zwei Monate mit einer muslimisch-palästinensischen Familie in Ostjerusalem. Ihre Gesprächspartnerinnen stammten aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten. Hinzu kamen Gruppendiskussionen sowie Interviews mit Psychologinnen, Ärztinnen, Sozialarbeiterinnen und Politikerinnen.

Die Wohnsituation vieler palästinensischer Familien - in vielfach in illegal errichteten Häusern - ist prekär. Angst vor dem Verlust des Heims durch Zerstörung sorgt für eine permanente Stressbelastung, so die Autorin. Der Sperrwall limitiert die Bewegungsfreiheit, die Kontrollen an den rund 100 Checkpoints nehmen viel Zeit in Anspruch und seien auch erniedrigend, der Zugang zu spezialisierten Krankenhäusern ist oftmals nicht mehr möglich.

Religiöser Fundamentalismus

"In den palästinensischen Gebieten sind es die arabisch-palästinensischen Frauen, die die größte Bürde zu tragen haben", ist die Ethnologin überzeugt. "Gleichzeitig verstärkt die israelische Besatzung jene Repressionen, die Frauen in der patriarchalen Gesellschaft generell erfahren", betont Tonsern. Zum einen durch den wachsenden religiösen Fundamentalismus, in dem die Menschen Sinn, Halt und Hoffnung suchen. Zum anderen, weil die Männer aufgrund von Arbeitslosigkeit und Armut ihre traditionelle Rolle als Erhalter der Familie nicht mehr wahrnehmen können und ihre Frustrationen vor allem an den Frauen auslassen. "Die häusliche Gewalt nimmt zu. Therapie- und Zufluchtsmöglichkeiten, wie etwa Frauenhäuser, existieren nicht in ausreichender Form", meint die Ethnologin. (APA)