Die Havarie des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia gibt täglich neue Rätsel auf. Die Navigationsexpertin des Schiffs, Silvia Conoika, die als dritter Offizier an Bord war, kritisierte nun, dass unbefugte Costa-Mitarbeiter auf der Kommandobrücke die Konzentration der Besatzung zum Unglückszeitpunkt gestört und sich laut unterhalten hätten. Conoika erklärte zudem, der Kapitän habe bereits vor dem Auslaufen in Civitavecchia die Weisung erteilt, die Route für eine "Verneigung" des Schiffes vor der Insel Giglio zu studieren. Der Gruß habe einem dort lebenden Kapitän gegolten, den Francesco Schettino vorher telefonisch verständigt habe.

Die 25-jährige Moldauerin Domnica C., die auf der Kommandobrücke gewesen sein soll, als das mit 4200 Passagieren besetzte Schiff auf Grund stieß, soll nach Auskunft der Ermittler mithilfe der moldauischen Polizei vernommen werden. Die ehemalige Costa-Bedienstete hatte dazu ihre Bereitschaft erklärt.

Ein weiteres Rätsel gibt das Verschwinden von Schettinos Laptop auf. Der Kapitän soll am Tag nach dem Unglück sein Hotel in Begleitung einer Frau verlassen und den Computer in einer Plastiktüte mitgenommen haben. Die Unbekannte soll eine Costa-Anwältin sein. Schettinos Laptop ist seither verschwunden.

Jede Menge Unklarheiten herrschen auch wegen der angeblichen Anwesenheit blinder Passagiere, von der Zivilschutz-Chef, Franco Gabrielli, sprach: "13 Leichen wurden identifiziert, vier sind unbekannt. Offiziell gibt es 24 Vermisste und eine Ungarin, die nicht in den Passagierlisten aufscheint" - wobei später am Montag zwei weitere Tote, zwei Frauen, aus dem Wrack geborgen wurden. Die Ungarin hätte das Schiff in Civitavecchia verlassen sollen, sagte ihren Eltern aber am Telefon, sie werde als Gast eines Besatzungsmitglieds an Bord bleiben. Die Reederei bestreitet strikt, dass "nicht registrierte" Personen am Schiff anwesend gewesen seien.

Öl darf abgepumpt werden

Am Montag gab der Zivilschutz grünes Licht für das Abpumpen der rund 2400 Tonnen Öl aus den Schiffstanks. Das Schiff sei dafür stabil genug. Die Vermisstensuche soll parallel weiterlaufen.

Nach Schätzungen von Experten könnte das Unglück der größte Versicherungsschaden in der Geschichte der Seefahrt werden. Auf den Rückversicherer Hannover Rück kommen allein wegen der Schiffskaskoversicherung mindestens 30 Millionen Euro zu, wie dieser mitteilte. Weiters meldete er, es sei davon auszugehen, dass aus dem Unglück des Kreuzfahrtschiffes ein Marktschaden im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich entstehen könnte. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD; Printausgabe, 23.1.2012)