Vor hundert Jahren war Österreich Vorreiter. Das "Islamgesetz", mit dem 1912 die Religionsgemeinschaft anerkannt wurde, war zu seiner Zeit vorbildlich, was Toleranz und Integration betraf. 

Später ging es abwärts. Das Feld wurde von SPÖ und ÖVP vernachlässigt und den Rechtspopulisten überlassen. Die Integrationspolitik orientierte sich immer mehr an Stimmungen und Vorurteilen in der Bevölkerung als an Toleranz und Respekt. Der von der FPÖ befeuerte Generalverdacht gegen Asylwerber nahm die Muslime aufs Korn, die Ausländerdebatte geriet zu einer Islamdebatte.

Im vergangenen Jahr wurde eine langjährige Forderung von Menschrechtsorganisationen aufgegriffen und ein Staatssekretariat für Integration geschaffen. Der neue, junge Staatssekretär Sebastian Kurz stieß anfangs auf große Skepsis, macht aber vieles richtig. Ihm ist eine Versachlichung der Debatte gelungen. Kurz sucht das Gespräch, er bemüht sich tatsächlich um einen Dialog.

Ob allerdings der Dialog, den Kurz jetzt in einem strukturellen Rahmen mit den Vertretern der islamischen Glaubensgemeinschaft aufgenommen hat, auch konkrete Ansätze zum Abbau von Ängsten und Vorurteilen bringen wird, bleibt abzuwarten. Sprechblasen der Toleranz zu artikulieren und gleichzeitig auf der medialen Orgel zwischen Strenge und Sanktion zu spielen wird nicht reichen. Das hat bisher nur den Populisten in die Hände gespielt. (DER STANDARD; Printausgabe, 24.1.2012)