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Es geht gewiss auch ohne Marlon Brando: Stanley (Nicholas Ofczarek) behandelt seine psychisch derangierte Schwägerin Blanche (Dörte Lyssewski) wie einen ungebetenen Gast.

Foto: APA/HANS KLAUS TECHT

Dennoch wäre etwas mehr Lust an der Hitze wünschenswert gewesen.

Wien - Die Schwüle in New Orleans ist kein Wetterphänomen. Sie dünstet direkt aus den Seelen der Menschen, die in Tennessee Williams' Endstation Sehnsucht schmale Bezirke besetzt halten. Der polnischstämmige Stanley Kowalski (Nicholas Ofczarek) verteidigt sein Einzimmer-Loft gegen die hereindrängende Schwägerin Blanche. Im Wiener Burgtheater bewohnt er nun ein erstaunlich geräumiges Studio in Pastellfarben, das höchstens in Deckennähe ein bisschen abblättert. Der ebenso formschöne wie pflegeleichte Linoleumboden lappt nach vorne aus (Bühne: Karl-Ernst Herrmann).

Die bedrückende Enge der Stückvorlage markierte damals, in den 1940er-/50er-Jahren, eine Kampfzone: Das Einwandererkind Stanley verteidigte seinen "American Way of Life" gegen die Allüren der kulturbesitzenden Klasse. Auf dem Spiel standen Poker und Bowling, der rasche Zugriff auf eisgekühltes Bier. Für Blanche Du Bois (Dörte Lyssewski) hingegen hält die zügige Modernisierung Amerikas nichts als Enttäuschungen bereit. Sie verliert nacheinander die Südstaatenfarm, den Verlobten und ihre Selbstachtung. Sie trippelt nach New Orleans wie ein Papagei, den man nach jahrzehntelanger Käfighaltung in die ungewohnte Freiheit entlassen hat.

Schon ihr erster Auftritt gleicht einem Malheur. In der Burg stöckelt sie mit Metallkoffer und Necessaire durch den Mittelgang auf die Bühne, wo die Kowalski-Nachbarin Eunice (Petra Morzé) sie eher mitleidig in Empfang nimmt. Blanche wird für Stan, den wuchtigen Choleriker, keine Sekunde lang einen ebenbürtigen Kampfpartner abgeben.

Eher beiläufig breitet sie ihre Waffen vor Stella (Katharina Lorenz), ihrer Schwester, aus: die unbezähmbare Gier nach Schnaps, die gelegentlichen Anflüge von Herrschsucht, mit denen sie Stanleys Frau, das unkomplizierte "All American Girl" , missgünstig taxiert. Das Kokettieren mit der eigenen erotischen Übermacht lässt sie ausgedehnte Bäder nehmen, nach Komplimenten schnappt sie wie ein Fisch.

Blanche lebt aus dem mitgebrachten Koffer, ansonsten aber von der Hand in den Mund: Lyssewski spielt das mit dem geschäftigen Ernst einer unvollständig Emanzipierten, indem sie die Figur von aller Hysterie reinigt. Nur leider kocht auch nichts hoch: Stanley saust wie ein Kugelblitz durch den Haushalt, die Haare streng nach hinten gekämmt, das schwarze Feinrippleibchen beim rituellen Hemdentausch wie eine Kampfmontur entblößend.

In der Tat: Regisseur Dieter Giesing hat Tennessee Williams' größten Dramenwurf heruntergekühlt, ihn quasi auf mitteleuropäische Betriebstemperatur gebracht. Ein einsamer Palmzweig erinnert noch an die tropische Kampfstätte früherer Jahrzehnte. Der Esstisch stammt aus einem billigen Einrichtungshaus, das Klappbett für Blanche ist ein verbeulter Gruß aus der Schlaghosen-Ära.

Keinerlei Behauptungszwang

Zu bewundern gibt es die Produkte eines "Schauspielertheaters" , das sich mit wahnwitzigen oder auch nur riskanten Behauptungen umso weniger aufhält, je mehr es auf die Gestaltungskraft seiner Mimen setzt.

Jede Anwandlung von Ärger wäre fehlinvestiert: Die beinahe reptilische Gewalt Ofczareks, der in selbsterzeugten Bierfontänen badet wie ein böser Faun, ist jedes Lob wert. Lyssewskis behutsame Abwicklung eines psychischen Schadensfalles vermag augenblicksweise zu rühren, und Blanches schüchterner Verehrer Mitch (Dietmar König), der das entblößende Licht der Glühlampe wie ein Richtschütze auf Blanches verblühende Reize lenkt, nimmt mit seiner schmallippigen Tugendhaftigkeit vorteilhaft für sich ein. Wahnsinn? Fehlanzeige.

Was fehlt, sind diejenigen Inhaltsstoffe, die aus Tennessee Williams (1911-1983) ein lebenslanges Ärgernis machten: das Spiel mit dem drohenden Kontrollverlust; der Tanz auf den bloßliegenden Nerven; der rauchige Whiskey-Geschmack der Verlogenheit, der die Sätze der Figuren auch noch dann imprägniert, wenn sie - sich selbst und anderen gegenüber - aufrichtig zu sein meinen. Der freundliche Applaus dankte einer Inszenierung, mit der man gut, vielleicht aber auch allzu gemütlich leben kann. (Ronald Pohl, DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2012)