Ioannina-Megilla aus Venedig mit vier Pergamenten

Foto: Scheidegger & Spiess

"Wer die Vergangenheit nicht kennt, hat es schwer, die Gegenwart zu bewältigen und sich auf die Zukunft einzustellen", postuliert René Braginsky seinen subjektiven, aber auch objektiv perpetuierbaren Zugang bezüglich der geistes- wie kunsthistorischen Relevanz seiner Sammlung jüdischer Schriftdokumente. Laut New York Times hat der Schweizer Sammler "die wohl bemerkenswerteste Privatsammlung illustrierter hebräischer Manuskripte der Welt" zusammengetragen. Die wichtigsten Exponate seiner famosen Sammlung sind, nach Stationen in Amsterdam, New York und Jerusalem im Schweizer Landesmuseum Zürich zu besichtigen. Akkordierend zur Ausstellung erscheint ein bibliophiles Opus magnum als Katalog.

Dieses bibliophile Oeuvre präsentiert, erstmals kommentiert in deutscher Sprache, kunstvolle, von Hand gemalte mittelalterliche und spätere Handschriften, dekorierte Eheverträge und reich illustrierte Schriftrollen des Buches Esther, vom 13. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Die Werke wurden für die Publikation sorgfältig reproduziert und werden einzeln, in ihrer Geschichte, ihrer Herkunft, ihrer Verortung und Bedeutung detailliert vorgestellt. Ein faszinierendes Panorama jüdischer Schriftkultur und jüdischen Lebens aus acht Jahrhunderten, aus sämtlichen Teilen des europäischen Kontinents stammend.

Emile Schrijver, Kurator der Bibliotheca Rosenthaliana, der jüdischen Sondersammlung der Universiteit van Amsterdam, und Falk Wiesemann, Professor am Historischen Seminar der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, trafen die Einteilung in drei Hauptgruppen hebräischer Schriftdokumente: in Bücher, Ketubbot (Heiratsverträge) und Megillot (illustrierte Estherrollen).

Die Monografie enthält hunderte Faksimiles: Gebetsbücher nach italienischen, sefardischen Riten, Kodizes, Schriften der Diaspora, Pinkas (Protokollbücher) der Synagogengemeinden, eine enorme Zahl an Ketubbot (private, illustrierte Heiratsverträge) und last, but not least eine enorme, an Quantität und Qualität seinesgleichen suchende Vielfalt an Estherrollen. Eindrucksvoll sind hier die eleganten, oft vergoldeten, geschmiedeten Hülsen der Megillot (siehe Abbildung).

Sowohl die präzisen Reproduktionen der Exponate als auch die einordnenden, die Objekte erklärenden Texte dekuvrieren Aspekte europäischer Kunstgeschichte wie auch den mit anderen Religionsgemeinschaften kanonisierten Wertekatalog des Abendlandes. Opulentes Weltkulturerbe.   (Gregor Auenhammer  / DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.3.2012)