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Die Stadt Kesennuma in der Präfektur Miyagi wurde vom Tsunami völlig zerstört (oben). Ein Jahr nach der Welle ist nur wenig wieder aufgebaut.

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Tepcos Präsident Nishizawa verbeugt sich am Freitag vor Fukushimas Gouverneur Sato.

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Der Verwesungsgeruch, der noch im Sommer über Rikuzentakata lag, hat sich verzogen. Die Trümmer wurden inzwischen zu sauberen Müllbergen aufgetürmt, zermalmte Autos abtransportiert. Auf einer Anhöhe haben sogar ein paar Geschäfte wieder eröffnet. In einem Hafen haben die ersten Fisch- und Lebensmittelfabriken ihre Arbeit wieder aufgenommen. Doch Bürgermeister Futoshi Toba klagt, dass sein Wiederaufbauplan stockt, bevor er überhaupt richtig begonnen hat.

In Rikuzentakata in der Präfektur Iwate hat der Tsunami vor einem Jahr mit der Urgewalt einer gigantischen Bombe gewütet. Eine mehr als zehn Meter hohe Wasserwand riss erst den Küstenwald weg, der als eine der schönsten Landschaften Japans galt. Dann verschlang sie die Stadt und 2000 der 24.000 Einwohner. Zwar ist der Schutt mittlerweile weggeräumt - wiederaufgebaut ist die Stadt aber noch lange nicht.

Schuld ist die Marktwirtschaft

Schuld sind dieses Mal nicht die Politiker in Tokio, die nach der Katastrophe Monate gebraucht hatten, um das Wiederaufbauprogramm zu beschließen. Schuld ist die Marktwirtschaft. Viele Bauprojekte, zu wenige Arbeiter - die Gehälter für Bauarbeiter sind um bis zu 200 Prozent explodiert, ebenso die Kosten für Material. "Die Baupreise sind daher viel höher, als wir budgetiert haben", sagt Toba, "das ist ein riesiges Hindernis für den Wiederaufbau."

In Tokio verhallt der Notschrei der Gemeinden bisher allerdings. Mehr Geld von der Regierung zu erhalten sei schwierig, weil der Staat so hoch verschuldet sei, sagt Toba. Statt Hilfsbereitschaft regiert der Rotstift. "Ich habe Angst, dass der Tsunami vielen Regionen einen derart harten Schlag versetzt hat, dass sie sich nicht davon erholen werden", sagt auch der Präsident der Handelskammer der Millionenmetropole Sendai, Hiroshi Maniwa.

Städte als Altersheime

Die Sorge ist berechtigt. Viele Ortschaften entlang der Trümmerküste verwandeln sich schon seit Jahren in Altersheime. Die lokale Fischerei und Landwirtschaft schaffen nicht genug Jobs für die Jugend. Und Industrie verirrt sich kaum in die entlegene Region. Zur nächsten Autobahn müssen sich die Fahrer mehr als eine Stunde über enge Bergstraßen plagen. Nach der Katastrophe hat sich die Landflucht noch verstärkt. "Und wer soll nun die Städte aufbauen?", fragt Minawa. "Doch nicht die Großmütter und -väter."

Viel Zeit für Korrekturen bleibt nicht. Denn viele Menschen ergeben sich der Verzweiflung: Alkoholismus, Depressionen und Selbstmorde steigen an, weil immer mehr Menschen Angst vor der Zukunft haben. Es gibt zwar viel zu tun, doch außer im Bau kaum feste Arbeit. Und viele Bewohner der Notunterkünfte wissen nicht, ob sie sich je wieder die Errichtung eines Hauses leisten können.

Als Gegenmittel gegen die grassierende Hoffnungslosigkeit setzen die Macher in ihrer Not auf große Visionen. Ein kleine Fischergemeinde in Kesenuma, einer Ortschaft südlich von Rikuzentakata, will sich als Ökotourismusparadies neu erfinden. Mit aller Macht kämpfen die 50 Familien daher gegen den Plan der Regierung, ihre Bucht mit einem Tsunamischutzwall aus Beton einzuhegen.

"Der Wald ist der Geliebte des Meeres"

Ihr Sprecher ist ein junger Fischer, Makoto Hatakeyama, Chef der poetisch klingenden Selbsthilfegruppe "Der Wald ist der Geliebte des Meeres". Er will die Bucht der Natur überlassen und die 50 zerstörten Häuser etwas weiter oben in den Bergen neu bauen. "Es gibt nicht viele Stellen an der Küste, die nicht zubetoniert sind", sagt Hatakeyama. Auch die Energie soll grünen. Mit Solar-, Wind- und Biomassekraftwerken will die Kommune ihren Strom selbst produzieren. Das Geld soll nicht nur durch Spenden und Hilfsgelder hereinkommen, sondern auch mittels Austern und neuerdings Biosprit, den Hatakeyama aus Konbu, essbarem Seetang, erzeugen will.

Einige Nummern größer plant Rikuzentakatas Bürgermeister Toba. Er verspricht, die Bevölkerung auf 25.000 Menschen zu vermehren, mehr als vor der Katastrophe. "Wenn wir einen Plan für eine schrumpfende Stadt machen, verlieren die Menschen vielleicht ihren Mut", sagt Toba. (Martin Kölling aus Rikuzentakata, DER STANDARD, 10./11.3.2012)