Die Kinder der Gründerzeitväter sind zu Siechtum verdammt: Osvald Alving (Markus Meyer) und seine Halbschwester Regine (Liliane Amuat) in der staubigen Komfortzone des Lebens. 

Foto: Burgtheater/Reinhard Werner

Der Triumph eines großartigen Ensembles von Geistern.

Wien - Angesichts dieser von David Bösch im Wiener Akademietheater inszenierten Gespenster verbietet es sich von selbst, von einer " blendenden" Aufführung zu sprechen. Finster ist es auf Rosenvold, der Salon der Familie Alving versinkt unter Tonnen von Staub (Bühne: Patrick Bannwart).

Es scheint, als ob nach dem Hingang des Kammerherrn Alving die Gegenstände ihre Struktur verloren hätten. Die Möbel stehen unter Leintüchern versteckt, vor der Feuermauer hängt überlebenshoch das Konterfei des toten Wüstlings. Das schwarzhaarige Fräulein Regine Engstrand (Liliane Amuat), gewiss die anmutigste Hinterlassenschaft des maskenhaft starren Syphilitikers, fegt den Kehricht kurzerhand unter die Staubfänger. Nur so, mit schlampigem Besenstrich, gewinnen die Kinder etwas Zeit und Sauerstoff zum Überleben.

In einer heutigen Gespenster -Aufführung kann es nicht gut um die moralhygienischen Debatten von 1882 gehen. Dass die Schuld der Eltern den Sprösslingen die Gehirne verpestet, mag als Gleichnis auf die Tücken des Generationenvertrags angehen. Schlimmer ist es aber um die Freidenkerei bestellt: Besonders in Henrik Ibsens Frauenfiguren regt sich machtvoll das Gespenst der Freiheit. Verjagt und ruhiggestellt wird es mit gescheiten Büchern und Hektolitern Likör.

Frau Alving (Kirsten Dene) war vor ihrem Säufergemahl davongelaufen: Hatte sich Pastor Manders (Martin Schwab) an den Hals geworfen, der sie aber zur Umkehr nötigte. Manders hat eine Reihe wirkungsvoller Sozialtechniken zur Freiheitsabwehr erfunden: Er, der doch als Stiftungssekretär das Geld für ein zu eröffnendes Kinderasyl verwaltet, gebraucht die schwarze Aktentasche mit dem Silberkreuz als bannenden Schild. Bereits bei seinem Erscheinen droht er unter Regines erotischem Ansturm zusammenzubrechen. Wie er sich aus der Affäre zieht, das Gör von sich abschüttelt, auf die Taschenuhr klopft und dabei die Miene eines windelweich geprügelten Spaniels aufsetzt: Es ist Schwabs größte Leistung seit langer Zeit.

Wie aber leben?

Böschs Erkenntnisinteresse aber zielt auf eine simple Frage ab: Wie kann man, wie soll man im Schatten übermächtiger Altvorderer überleben? "The time is out of joint", heißt es dazu in Shakespeares Hamlet, und der aus Urlaubs- und Erholungsgründen heimgekehrte Sohn Osvald (Markus Meyer) zerreißt die Ölgemälde, wegen deren Pinselei er einst nach Paris gegangen war: Die Kunst, sagt Bösch, ist auch keine Lösung.

Das größte Kunstwerk ist die (falsche) Erinnerung an den zu Unrecht verklärten Vater. Dessen Gipsbüste steht zusätzlich vorn an der Rampe: Der Sohn, an einem Halbdutzend Sektflaschen nuckelnd, dabei in den Wahnsinn hinüberschlurfend wie in eine Partyzone, wird sie mit einem riesigen Vorschlaghammer zertrümmern, nicht ohne sich vorher eine Schutzbrille aufgesetzt zu haben.

Die große Dene wehrt im grauen Hausmantel Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen von sich ab. Es mag heroische Zeiten gegeben haben: die Jahre, als Gründerzeitmänner wie Alving zu erdulden waren, die ihr Elend im Suff begruben, sich syphilitisch infizierten und doch keine Ruhe fanden. Der alte Engstrand (Johannes Krisch) ragt als bocksfüßiger Desperado aus dieser Geschichtsepoche in die Gegenwart herüber. Trägt die Bierkiste mit sich und schleudert tückische Blitze auf die nicht von ihm stammende Tochter Regine. Den Pastor wird er nach dem Brand des Asyls erpressen. Auch von der Geburt des Geschäftssinnes aus dem Geist der Niedertracht erzählt Bösch.

Allmähliche Verdunkelung

Vor allem aber entfaltet er mit meisterlicher Hand ein Zersetzungsgeschehen, das zur Verdunkelung führt. Wie einen metaphysischen Trostspender bedient Osvald, das kaputte Pyjamakind, den Analogplattenspieler. Er tänzelt zu martalischen Bassriffs und lässt sogar den Hippie-Kitsch von Cat Stevens über sich ergehen.

Regine, die ihn ganz geschäftsmäßig beschlief, legt ihr Schürzchen ab, zieht den Verlobungsring vom Finger und macht sich aus dem Staub. Zurück bleiben Mutter und Sohn, in eine schlechte Gegenwart verbannt: Kinderzeichnungen springen aus dem Projektor, ehe dieser im Leergang klackert. Ibsens Figuren haben gar niemals gelebt. Verdienter Jubel für eine messerscharf gedachte Inszenierung. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 12.3.2012)