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Nach der Ankunft in Hatay: Ein syrischer Flüchtling aus der Grenzstadt Jisr Ash Shugur berichtet über die Lage im umkämpften Land. Der Rote Halbmond rechnet mit bis zu 500.000 flüchtenden Zivilisten.

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Die Aktion war symbolisch und die Absage der syrischen Grenzsoldaten absehbar. Mit Lastwagen, Pkws und gemieteten Kleinbussen sind am Donnerstag 450 Teilnehmer eines "Friedenskonvois" über den türkischen Grenzübergang Öncüpinar in der Nähe von Gaziantep zum syrischen Posten vorgefahren. Lebensmittel und Medikamente aus mehreren europäischen und arabischen Ländern hatten die Aktivisten dabei. Die wollten sie unter der syrischen Bevölkerung verteilen, doch das Grenzkommando sagte nach kurzer Bedenkzeit Nein.

Die Aktion mit dem Hilfskonvoi richtete sich auch gegen die Entschlusslosigkeit der internationalen Gemeinschaft. "Die Politiker reden, aber sie tun nichts. Assad lässt 100 Menschen pro Tag ermorden", erklärte Moayad Skeif, ein Koordinator des Konvois, am Telefon vom Grenzübergang.

Kritischer Punkt

Am Jahrestag des Beginns des syrischen Aufstands gegen das Regime von Präsident Bashar al-Assad hat die Flüchtlingswelle einen kritischen Punkt erreicht. Innerhalb von 24 Stunden kamen an die 1000 Zivilisten über die Grenze in Hatay, der südlichsten Provinz der Türkei am Mittelmeer. Der Sprecher des türkischen Außenministeriums in Ankara berichtete zudem über einen weiteren syrischen General, der sich in der Nacht zum Donnerstag abgesetzt hatte - es soll der siebente sein, der sich nun in der Türkei befindet. Den Namen wollte Sprecher Selçuk Ünal nicht nennen.

Die Türkei bereitet sich nach der militärischen Einnahme der Städte Homs und Idlib im Norden Syriens durch regimetreue Truppen auf einen Massenansturm vor. Der Präsident des türkischen Roten Halbmonds, Ahmet Lütfi Akar, sprach sogar von einem Szenario mit 500.000 Flüchtlingen aus dem umkämpften Nachbarland. Die türkische Regierung lässt derzeit zwei neue Flüchtlingslager aufbauen: ein Containerdorf für 10.000 Menschen in Kilis, der Grenzstadt zwischen Gaziantep und dem Übergang Öncüpinar; und ein zweites Lager, das Platz für 20.000 Syrer mit ihren Familien bieten soll, weiter östlich an der Grenze in Ceylanpinar, in der Provinz Sianlurfa.

Derzeit sind offiziell 14.200 syrische Flüchtlinge in sechs Lagern an der Grenze - doppelt so viel wie noch zu Beginn des Jahres.

Einer der türkischen Vizepremiers, Besir Atalay, beschuldigte die syrische Führung, die Grenze zu verminen, um die Zivilisten an der Flucht zu hindern. Ähnliche Vorwürfe hatte am Vortag auch Human Rights Watch erhoben.

Außenminister Ahmet Davutoglu drängte weiter auf eine "geschlossene internationale Haltung" in der Syrien-Frage, wobei er Russland, China und den Iran im Blick hatte, die alle das Assad-Regime stützen. Davutoglu und die türkische Führung hatten sich nach dem ersten Außenministertreffen der Kontaktgruppe der "Freunde Syriens" in Tunis enttäuscht gezeigt. Ankara favorisiert die Einrichtung eines Korridors für die humanitäre Hilfe; ein solcher Beschluss war ausgeblieben. Ein zweites Treffen der Kontaktgruppe am 2. April in Istanbul soll greifbare Entscheidungen gegen Assad bringen.

Im Exilbündnis des Syrischen Nationalrats (SNC) traten weitere Abspaltungen auf: Bis zu 80 der 270 Ratsmitglieder stellen sich angeblich gegen die Führung um Burhan Ghalioun. (Markus Bernath, DER STANDARD, 16.3.2012)