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Unerwiderte Liebe löst nicht nur emotionale, sondern auch körperliche Symptome aus.

"Bei Liebeskummer und Trennungen", steht auf der Verpackung des Nahrungsergänzungsmittels Amorex, das in österreichischen Apotheken erhältlich ist. Es verspricht Erleichterung bei Liebesleiden aller Art. Doch Liebeskummer in all seinen Facetten lässt sich nicht mit Pillen hinunterschlucken.

Aussichtslose Schwärmerei für einen Star, unerwiderte Verliebtheit in einen Klassenkameraden oder eine Schulkollegin oder Verlassenwerden vom Partner nach langjähriger Beziehung. Das alles tut weh. Nicht jeder Liebeskummer fällt gleich unter das Label Krankheit, genauso wenig wie jeder Liebeskummer harmlos ist. Das gilt für Jugendliche genauso wie für Erwachsene. Wie bei anderen Traumata auch, durchleben Betroffene die Phasen Schock, Reaktion mit psychischen Abwehrmechanismen wie etwa Verleugnung, Bearbeitung und Neuorientierung. Wie viel Zeit dafür nötig ist und wie die Verarbeitung geschieht, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. 

Affektiven Stau loswerden

Eine quasi Erste-Hilfe-Maßnahme bei Liebeskummer ist Reden: "Mit jemandem darüber sprechen, man muss auch schimpfen können um den affektiven Stau loszuwerden", rät Gernot Sonneck, ehemaliger Vorstand des Instituts für Medizinische Psychologie an der MedUni Wien. Oft genüge es, wenn Familienmitglieder oder Freunde zuhören. Manchmal bedarf es aber auch professioneller Hilfe durch Fachärzte, Psychologen oder Therapeuten. "Tendenziell ist jeder Liebeskummer ernst zu nehmen", sagt Martina Morawitz, Beraterin an der "First Love Ambulanz" in Wien. Die Einrichtung bietet Beratung und Information für Jugendliche zu den Themen erste Liebe, Sexualität und Schwangerschaft.

Krankhafter Schmerz

Krankhaft kann der Kummer dann werden, wenn Menschen über längere Zeit glauben, sie können die schwere Kränkung alleine nicht überleben. "Das ist oft dann der Fall, wenn eine schreckliche Abhängigkeit von dem verlorenen Partner besteht", erklärt der Mediziner. Das treffe häufig auf Menschen zu, die unselbstständig sind, ein geringes Selbstwertgefühl haben und entscheidungs- und handlungsunfähig sind. Für sie ist eine Trennung eine Katastrophe.

Psychische Gefahr

Bei genetischer Disposition und mangelnder sozialer Unterstützung kann sich sogar eine Depression aus dem Kummer entwickeln, aber auch Substanzmissbrauch und nicht-substanzgebundene Abhängigkeiten wie Spielsucht. "Fast ein Drittel aller jüngeren Menschen kommt aufgrund von Trennungen zu uns in die Beratung. Bei ihnen darf man suizidales Verhalten nicht übersehen", sagt Gernot Sonneck, der am Kriseninterventionszentrum in Wien arbeitet. 

In der schwierigen Phase der Pubertät geht es oft auch um Oberflächlichkeiten: "Mir erzählen Mädchen, dass ihr Freund mit ihnen Schluss gemacht hat, weil sie einen kleinen Busen hätten oder zu dick seien", sagt Martina Morawitz. Bei manchen Jugendlichen reguliere sich die Trauer und Enttäuschung nicht von selbst, vor allem dann, wenn es auch im Elternhaus Probleme gibt. Die Beraterin kennt Jugendliche, die nach einer Trennung Essstörungen entwickelten oder begannen, sich selbst zu schneiden. Genauso wie bei Erwachsenen, die eine Trennung nicht verarbeiten können, reicht hier Zuhören von Freunden alleine nicht mehr aus. 

Tablette gegen Liebeskummer

Keine Lösung ist die eigenmächtige Einnahme von Medikamenten oder anderen Substanzen - weder in leichten und schon gar nicht in schweren Fällen: "Beruhigungsmittel oder Alkohol betäuben den Schmerz nur", warnt Gernot Sonnek. Keinesfalls sollte man sich per Griff in den Medikamentenschrank selbst behandeln. 

Auch das rezeptfrei erhältliche Nahrungsergänzungsmittel Amorex ist kein Zaubermittel. Eine Studie mit 15 Teilnehmern habe die Wirkung des pflanzlichen Inhaltsstoffs, einem Trockenextrakt der Schwarzbohne (Griffonia simplicifolia), bei "romantic stress" bewiesen, heißt es auf der Unternehmenshomepage. Für eine Packung Amorex, die zehn Tage ausreicht, muss man 18,70 Euro berappen. Die Experten der Zeitschrift Konsument rieten nach der Produkteinführung vor rund zwei Jahren von einer Selbstbehandlung mit dem Präparat ab.
"Der Inhaltsstoff kann Liebeskummer nicht vertreiben", sagt auch Harald Aschauer von der Klinischen Abteilung für Biologische Psychiatrie an der Meduni Wien. Vor einigen Jahrzehnten habe man den Stoff versuchsweise in der Behandlung von Depressionen verwendet, sei aber draufgekommen, dass er nicht wirke. "Im Gegenteil, es gab massive gefährliche Nebenwirkungen auf das Herz-Kreislauf-System", so der Mediziner, der vor einer eigenmächtigen Behandlung mit Amorex warnt. Auch Martina Morawitz hält nichts von dem Präparat: "Das Geld ist bei Jugendlichen besser in gemeinsame Aktivitäten mit Freunden investiert."

Der Körper leidet mit

Liebeskummer ist aber nicht nur eine emotionale Belastung. Forscher an der Universität Amsterdam haben nachgewiesen, dass soziale Ablehnung den Körper beeinflusst. Unerwartete Zurückweisung wirkt sich laut der Studie auf das vegetative Nervensystem aus und lässt das Herz langsamer schlagen. "Eine Krise verändert sehr viel in uns, im vegetativen und hormonellen Bereich", bestätigt Gernot Sonneck.

Auch körperliche Krankheiten können also entstehen und bestehende Leiden verstärkt werden: "Bei asthmoider Bronchitis kann es etwa zu häufigeren Anfällen kommen, bei chronisch entzündlichen Krankheiten kann der Stress neuerliche Schübe auslösen", sagt der Mediziner. Bekannt ist auch das Broken Heart Syndrom, dessen Symptome sogar jenen eines Herzinfarkts ähneln. (Marietta Türk, derStandard.at, 20.3.2012)