Norbert Bischofberger, hat als Wissenschafter Medizingeschichte geschrieben. Viren sind seine Domäne.

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Das HI-Virus kannte 1981 noch niemand. 1995 hatten die Wissenschafter Wege gefunden, es in Schach zu halten.

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Als Gast am Centre of Molecular Medicine gewährte er Einblick in sein Lebenswerk.

Wissenschaft kann sehr elegant sein und muss nicht kompliziert klingen: Das demonstrierte am Montagabend der aus Österreich stammende Chemiker Norbert Bischofberger eindrücklich am Forschungszentrum für molekulare Medizin (CeMM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Dessen Vorstand Giulio Superti-Furga hatte den Erfinder des Virostatikums Oseltamivir, besser als Grippemedikament Tamiflu bekannt, nach Wien eingeladen und präsentierte ihn dem mehrheitlich studentischen Publikum als "einen Helden und Vorbild für alle, die träumen, die Medizin verändern zu wollen". Bischofberger macht den Auftakt zu einer neuen Vortragsreihe namens "Smart Lectures", in der es darum geht, den Einfluss von Wissenschaft auf die Gesellschaft eindrücklich zu demonstrieren.

Was das konkret heißen kann, veranschaulichte Bischofberger, heute Vizepräsident des US-Pharmakonzerns Gilead, in einer knappen Stunde. Unprätentiös, engagiert und in klaren Worten ließ er die Geschichte des HIV/Aids-Virus Revue passieren. Bischofberger, der in Innsbruck studiert hat und über die ETH Zürich den Absprung an die Harvard-Universität machte, war an vorderster Front der Medikamentenentwicklung beteiligt.

1981 waren die ersten Fälle einer seltenen Lungenentzündung aufgetaucht, dass sie von einem Virus verursacht wurden, ahnte da noch niemand. 1983 schließlich wurde das HI-Virus in Frankreich isoliert, und die Wissenschaft begann nach Wegen zu suchen, die Vermehrung des Virus im Körper zu stoppen

"Wir haben uns intensiv mit dem Lebenszyklus des Virus auseinandergesetzt und nach Mechanismen gesucht, die hier nachhaltig eingreifen können", erinnert sich Bischofberger, der mittlerweile mehr Amerikaner als Österreicher ist. Nucleosid-Analoga waren 1987 die ersten Entdeckungen, doch erst die Kombination mit Proteasehemmern 1995 brachte den großen Durchbruch in der Behandlung von Patienten.

Vereinfachte HIV-Therapie

"Wir kannten diese Protease-Inhibitoren aus der Blutgerinnung, und fanden neue Einsatzmöglichkeiten in der HIV-Therapie", schildert Bischofberger. Es war eine einzige Studie im Jahre 1995, die zeigte, dass die Kombination von Nucleosid-Analoga und Protease-Hemmern das HI-Viruslevel langfristig in Schach halten konnte. Noch 1995 starben die meisten der HIV-Infizierte in den USA an Aids, seit 1996 stieg die Zahl der Überlebenden steil an. Heute ist HIV eine chronische Krankheit.

"Todgeweihte wurden wieder gesund, das war auch für uns Wissenschafter ein sehr emotionaler Moment", sagt der Chemiker. Nach seinem Wechsel zum Pharmakonzern Gilead ging es dann darum, die HIV-Therapie nicht nur zu vereinfachen ("1996 mussten Patienten täglich bis zu 30 Tabletten einnehmen"), sondern auch die Nebenwirkungen zu reduzieren. 2004 gelang dies Gilead mit Truvada, ein Medikament, mit dem 80 Prozent aller HIV-Infizierten heute behandelt werden. "Wirklich schwierig für einen Wissenschafter wird es, wenn die Anwälte ins Spiel kommen", plaudert er aus dem Nähkästchen. Auch diese Hürde nahm er im Rahmen einer Kooperation, die 2006 mit der Zulassung des HIV-Medikaments Atripla über die Bühne ging. "In 25 Jahren wurde eine tödliche Krankheit gut behandelbar – mit einer Tablette täglich", resümiert Bischofberger. Gilead hat Maßnahmen gesetzt, seine Medikamente auch in der Dritten Welt verfügbar zu machen.Einen ähnlichen Fahrplan hat der US-Pharmakonzern bei der Bekämpfung von Hepatitis C.

170 Millionen Menschen sind weltweit betroffen. Die Hürden für die von einem Virus ausgelöste Erkrankung, die zu Leberzirrhose und -krebs führt, sind vor allem die sechs verschiedene Genotypen, die die Stoßrichtung der Wissenschafter erschweren. Vor allem: Die Therapie von Hepatitis C hat schwerste Nebenwirkungen.

Gilead arbeitet an Virostatika, die – ähnlich wie bei HIV – nicht nur die Krankheit behandelbar, sondern auch die Verträglichkeit der Therapie maßgeblich verbessern sollen. Wenn Bischofberger erzählt, welche finanziellen Risiken man im Kampf gegen das Virus eingeht, rutscht das Publikum auf seinen Sesseln hin und her, ist fast erleichtert, als er am Ende seines Vortrags von Teilerfolgen der Bemühungen berichten kann. "Ich bin zuversichtlich, dass wir in drei bis fünf Jahren eine Behandlung in Form von einer Tablette einmal täglich haben werden", sagte der Chemiker, der in der genetischen Typisierung von Krankheit die Zukunft sieht.

In der anschließenden Diskussion ging es um kulturelle Unterschiede. "Die ersten HIV-Medikamente wurden in den USA euphorisch begrüßt, hier in Europa war man skeptisch", erinnert sich der Leiter der HIV-Ambulanz, Dermatologe Georg Stingl. Bischofberger räumt ein, dass, wenn Pharmafirmen vom Marketing gelenkt werden, "man sich gleich die Kugel geben könne". "Nur an die Finanzen zu denken, ist falsch, wer Innovation will, muss sich an die Wissenschafter halten", sagte Bischofberger, dessen Karriere das eindeutig beweist. (Karin Pollack, DER STANDARD, 21.3.2012)