José María del Nido (Jg. 1958) ist seit 2002 Präsident des FC Sevilla. Der Anwalt ist auch Vorstand des spanischen Fußballverbandes.

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An Barcelona und Real gibt es für del Nido kein Herankommen unter den gegebenen Umständen. Zu ungerecht würden die Erträge aus TV-Rechten verteilt.

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Die Konsequenz: "Wir sind die einzige Liga in Europa, wo der Meister 35 Punkte mehr als der Dritte hat."

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Für das schuldenfreie Sevilla läuft die Saison nach den Erfolgen der vergangenen Jahre sehr unerfreulich. "Wir sind natürlich nicht zufrieden", sagt del Nido über den aktuellen zwölften Tabellenrang. Er hält das Ruder aber noch für herumreißbar. Das Projekt zur Stadionvergrößerung liegt bei den Andalusiern auf Eis.

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Im Land des Welt- und Europameisters steckt der Fußball in Schwierigkeiten. Erstligaklubs haben allein Steuerschulden in Höhe einer halben Milliarde Euro. Der FC Sevilla schreibt gegen den Trend schwarze Zahlen, aber er durchlebt eine überraschend durchwachsene Saison. Am Rande von Sponsoring-Verhandlungen in Wien mit Interwetten sprach José María del Nido, der Präsident des andalusischen Klubs, mit Tom Schaffer über die Krise der Liga und des Vereins.

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derStandard.at: Herr del Nido, sprechen wir über das Geld. Was ist mit dem spanischen Fußball los?

José María del Nido: Die spanischen Profiligen und ihre 42 Klubs erleben wirtschaftlich keinen guten Moment. Mehr als die Hälfte der Vereine haben Schulden. Der Fußball leidet wie alle Unternehmen unter der Wirtschaftskrise. Aber Fußball ist in Spanien immer noch der König des Sports. Es gab auch in der Vergangenheit Schwierigkeiten. Wir müssen die Kosten reduzieren, dann werden wir sie auch diesmal überwinden.

derStandard.at: Sevilla steht ja vergleichsweise gut da. Was macht Ihr Verein anders?

Del Nido: Wir haben keine Schulden, sondern sind mit 45 Millionen Euro im Plus. Wir passen genau auf, dass die Ausgaben die Einnahmen nicht übersteigen. In den letzten sieben bis acht Jahren haben wir auch gute junge Spieler gekauft und dann teuer wieder verkauft. Das ist unsere Philosophie.

derStandard.at: Wie sehen Sie die hohen Ausgaben der anderen Vereine. Sind die fair im Sinne des Wettbewerbs?

Del Nido: Mit den UEFA-Financial-Fair-Play-Regeln müssen sich künftig ohnehin alle Vereine den Standards von Sevilla anpassen. Die Bilanzen der Klubs werden nun genau geprüft und Ausgaben müssen mit Einnahmen übereinstimmen.

derStandard.at: Sie gehen also davon aus, dass diese Regeln funktionieren werden?

Del Nido: Die UEFA hat Mallorca bereits aus der Europa League ausgeschlossen, weil sie sich nicht daran gehalten haben, obwohl sie sich mit dem fünften Platz in der Liga qualifiziert hätten. So wird das auch in Zukunft sein.

derStandard.at: Welche spanischen Vereine könnten sonst noch Probleme damit bekommen?

Del Nido: Ich möchte keine Namen nennen. Alle müssen sich daran halten. Wer bisher mehr ausgegeben hat, wird sich zurückhalten müssen.

derStandard.at: Wenn man die allgemeine Wirtschaftskraft der Länder betrachtet, aber auch angesichts der schwierigen Wirtschaftslage in Spanien: Ist es überhaupt realistisch, dass Klubs aus der Primera Division dauerhaft mit jenen aus England oder Deutschland mithalten können?

Del Nido: In den letzten zehn Jahren haben Barcelona, Atlético Madrid und Sevilla europäische Titel gewonnen. Ich bin davon überzeugt, dass spanische Klubs in Europa wettbewerbsfähig bleiben werden. Spanien hat eine große Leidenschaft für den Fußball.

derStandard.at: Das Interesse an der Liga nimmt bei den meisten Fußballfans in Österreich hinter dem FC Barcelona und Real stark ab, obwohl Vereine wie Atlético und Sevilla diese Erfolge gefeiert haben. Woran liegt das? Können andere Klubs den Anschluss schaffen?

Del Nido: Wir sind die einzige Liga in Europa, wo der Meister 35 Punkte mehr als der Dritte und 70 Punkte mehr als der Letzte hat. Im Moment werden die Ligaeinnahmen so ungleich wie nirgendwo sonst verteilt. Die beiden ersten Ligen verdienen in Spanien 650 Millionen Euro an den Fernsehrechten, aber 60 Prozent davon gehen nur an Barcelona und Real. Den Rest teilen sich die anderen auf. Unter diesen Umständen ist es nicht möglich, die einzuholen. Real und Barcelona bekommen das 15-Fache von Mannschaften am Tabellenende. In England bekam Manchester United im vergangenen Jahr als Meister das Doppelte von Absteiger Portsmouth. Die andere Präsidenten und ich verhandeln seit zwei Jahren, damit sich das ändert.

derStandard.at: Zu ihrem Klub. Sevillas Anhängerschaft hat sich in den letzten Jahren eine starke Fanbasis geschaffen. Es gibt Pläne, das Stadion zu vergrößern ...

Del Nido: Das Projekt hatten wir schon gestartet, aber wegen der Krise wieder auf Eis gelegt.

derStandard.at: Wie wichtig wäre es dafür gewesen, die Weltmeisterschaft 2018 nach Spanien zu bekommen?

Del Nido: Es wäre einfacher gewesen. Dann hätte sich sicher auch der Staat finanziell daran beteiligt.

derStandard.at: Sie hatten in dieser Saison das Ziel, den dritten Platz und damit die Champions League zu erreichen. Jetzt liegt Ihre Mannschaft an zwölfter Stelle. Woran liegt das?

Del Nido: Es gibt immer eine große Zufallskomponente im Fußball. Wir sind natürlich nicht zufrieden, aber es sind noch elf Spiele und ich bin überzeugt, dass wir uns noch für einen europäischen Wettbewerb qualifizieren werden.

derStandard.at: Sie haben bereits vor etwa sechs Wochen den Trainer getauscht, seither hat sich aber wenig verändert. Bleibt Michel im Amt, wenn die Europa League nicht erreicht wird?

Del Nido: Das können wir erst am Ende der Saison entscheiden.

derStandard.at: Wäre es für Sevilla finanziell ein großes Problem, keinen Europa-Startplatz zu erreichen?

Del Nido: Es wäre natürlich ein Problem, aber wir könnten damit umgehen und würden versuchen, es nächste Saison wieder zu schaffen.

derStandard.at: Wenn man sich Ihre Klubgeschichte ansieht, gab es bis 1995 Trainer aus aller Welt – auch Max Merkel und Ernst Happel aus Österreich -, seither sind es nur noch Leute aus Spanien. Welchen Grund gibt es dafür?

Del Nido: Nein, das ist Zufall und hat sich einfach so ergeben. Wir haben an Leute wie Ernst Happel oder auch Toni Polster sehr gute Erinnerungen.

derStandard.at: Kennen Sie auch aktuelle österreichische Spieler? Gab es in den letzten Jahren Überlegungen, welche für Ihren Klub zu verpflichten?

Del Nido: Wir haben nur 2008 einmal gegen Salzburg gespielt. Ansonsten verfolgen wir keine Spieler aus Österreich.

derStandard.at: Zum Abschluss: Glauben Sie, dass Spanien wieder Europameister wird?

Del Nido: Nein, ich glaube das nicht. Ich bin überzeugt davon! Das Team ist auf allen Positionen komplett und mit Xavi und Iniesta hat Spanien das beste Mittelfeld der Welt. Es ist sehr schade, dass keiner der beiden zum Weltfußballer gewählt wurde. Manchmal sollte auch der belohnt werden, der die Tore vorbereitet. (Tom Schaffer, derStandard.at, 22.3.2012)