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David Alaba führt Bayerns Jubel-Abordnung nach glücklich absolviertem Elferschießen an.

Foto: Reuters/Fassbender

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Martin Stranzl (hier gegen Thomas Müller) machte den Bayern bis zu seiner Verletzung das Leben schwer.

Foto: dapd/Meissner

Mönchengladbach - Beide Bundesliga-Duelle hatte Borussia Mönchengladbach in dieser Saison gegen die Münchner Bayern gewonnen. Im Halbfinale des DFB-Pokals setzte die Mannschaft mit der bemerkenswertesten Aufwärtsentwicklung im deutschen Fußball seit Menschengedenkenden zum dritten Streich an. Das hatte gegen die Macht von der Isar bisher noch niemand geschafft. Die Pokalbilanz der Borussia gegen die Münchner ist dürftig, in fünf Vergleichen gab es kein einziges Weiterkommen. Besonders schmerzlich: die Finalniederlage 1984. Jupp Heynckes saß damals auf der Bank der Niederrheiner, Lothar Matthäus verschoss in der Elfmeterentscheidung gegen seinen künftigen Arbeitgeber und galt seither in Gladbach als Verräter.

Zurück in der Gegenwart entwickelte sich am Mittwochabend vor 54.049 Zuschauern im Borussia Park ein mit hoher Intensität abgewickeltes taktisches Kräftemessen. Die Gladbacher störten früh, fest entschlossen, die bayerischen Schmuckstücke Arjen Robben und Franck Ribéry auf den Flügeln mit Doppelung konsequent am Fliegen zu hindern. Das gab interessante und jederzeit sehenswerte Duelle, auch wenn die Partie im Ganzen nicht immer höchsten Ansprüchen genügte.

Tempo in Grenzen

Juan Arango, im Hauptberuf eigentlich Künstler, teilte Robben früh mit, was ihn erwartete und räumte den Niederländer an der Cornerfahne um (1.). Pfiffe im Rund, als er zu Boden ging, der Referee allerdings blieb stumm. Gladbachs zwei eng zusammenstehende Viererketten in Lucien Favres 4-4-2 stellten der bayrischen Offensive jenen Raum zu, den die zuletzt gegen andere Gegnerschaft zu 20 Treffern in drei Spielen genutzt hatten. Beispielhaft führte das Tony Jantschke vor, der Ribéry hochkonzentriert auf den Zehen stand.

Die Konsequenz: Kaum Anspielstationen, das Tempo hielt sich in Grenzen. Nur allmählich konnten die Münchner nach vorne navigieren, bei denen Heynckes natürlich nichts zu ändern fand. So blieb es beim Seitenwechsel von Philip Lahm nach rechts, David Alaba war links in der Abwehr positioniert. Gladbach, seit einem Jahr zu Hause ungeschlagen, war bemüht, mit Direktspiel über möglichst wenige Stationen nach vorne zu kommen. Gelegenheit dafür bot sich jedoch eher selten, dazu kamen doch einige unpräzise Abspiele. So blieb es bei Ansätzen, die Absicht aber war klar und machte Lust auf mehr.

Die erste Chance: Filip Daems ging links ab, seine Flanke auf Marco Reus schnappte Bayern-Keeper Manuel Neuer dem Gladbach-Star vor der Nase weg (4.). Die Bayern konterten mit einem Flachschuss von Toni Kroos, der an die rechte Innenstange klatschte. Nach einer Viertelstunde parierte Borussias Schlussmann Marc-André ter Stegen einen Kopfball von Mario Gómez hervorragend. Martin Stranzl lieferte sich das ein oder andere resche Duell mit Bayerns Tormaschine und hatte dabei meist das bessere Ende für sich. Etwas Glück hatte der grimmige Österreicher, als ein Pass auf seinen ein Mal enteilten Widerpart etwas zu weit geriet (40.).

Neuer keineswegs arbeitslos

Obwohl die Gäste ein Plus an Chancen aufwiesen, blieb Neuer keineswegs arbeitslos. Nach einem Zuspiel von Roman Neustädter in den Lauf von Reus, schloss Deutschlands Nummer eins den Winkel fugendicht und ließ sich auch zu keiner Reaktion vor der Zeit hinreißen (21.). Dann lief es flott über den leichtfüßigen Arango, dessen linken Fuß Gladbachs Vizepräsident Rainer Bonhof gar über jenen von Günther Netzer stellt. Der erneut nach vorne gedampfte Linksverteidiger Daems zog zur Mitte und in Schussposition - wieder hielt Neuer.

David Alaba wurde defensiv selten geprüft, generell legte er seine Rolle zunächst eher konservativ aus. Seine seltenen Angebote an Ribéry wurden vom Franzosen nicht immer goutiert. Kurz vor der Pause gelang diesem erstmals ein Durchbruch, doch Robben setzte den aus sechs Metern direkt übernommen Ball über die Latte. Sekunden später hinterlief Alaba Ribéry und wurde diesmal auch wahrgenommen - bei seinem Schuss aus kurzer Distanz ins lange Eck war ter Stegen jedoch zur Stelle. Den Schlusspunkt der ersten Halbzeit setzten die Hausherren: Luiz Gustavo übersah bei einem Corner Stranzls aufgerückten Innenverteidiger-Kollegen Dante (hochelegant bis riskant), welcher recht ungehindert köpfeln konnte. Jedoch geriet das Koordinatensystem des Brasilianers im Sprung etwas durcheinander und sein Aufsetzer ging deutlich am Tor vorbei. (45.)

Nach Wiederbeginn begann Gladbachs aufwändig geschnürtes Korsett ein bisschen auszuleiern. Die Mannschaft stand nun sehr  tief, wirklich gesund sah das nicht mehr aus. Allerdings gelang es, die hohe Disziplin aufrecht zu halten. Kaum einmal ein Foul, welches den Münchnern eine Freistoßgelegenheit verschafft hätte. Und so gelang eine Übung, die nun an einen Seiltanz erinnerte, weiterhin. Die Bayern bestimmten ganz klar das Geschehen, mussten aber doch jederzeit mit den gefürchteten Gladbacher Galoppaden aus dem immer enger gezogenen Belagerungsring heraus rechnen.

Nach einer Stunde stoppte Stranzl Gómez in letzer Sekunde mit einem Vabanque-Tackling im Strafraum, wenig später musste der Österreicher mit einer Verletzung am rechten Oberschenkel ausgetauscht werden. Nach einem Haken um Goalie ter Stegen geriet Bayerns Speerspitze dann zu weit nach außen um noch abschließen zu können. Und auch Gladbach hatte noch einen Pfeil im Köcher. Eine fließende Kombination über Arango, allerdings in reißender Geschwindigkeit absolviert, endete nach einem wie mit der Schnur gezogenen Querpass des Venezolaners bei Reus. In Rücklage gelang dem kein kontrollierter Schuss mehr und Neuer zog den Ball an sich (85.).

Bermerkbarer Kräfteverschleiß

Es folgte die Verlängerung, in der der Kräfteverschleiß auf beiden Seiten nicht zu übersehen war. Im Zweifelsfall wurde nun auf beiden Seiten schon einmal die Sicherheitsoption gezogen. Die Münchner jedoch blieben zwingender und so fand der unerhört eifrige und rochierfreudige Robben noch die ein oder andere Gelegenheit vor, etwa bei einem Fernschuss in der 109. Minute. In der letzten Aktion der Nachspielzeit holte der eingewechselte Nils Petersen gerade zum möglicherweise entscheidenden Schlag aus, als er im Strafraum wegrutschte (120.).

Der 19-jährige Alaba ("Ein bissl nervös war ich sicher") eröffnete das Elferschießen mit einem coolen Treffer unten rechts. Danach traf alles, ehe Dante das Kreuzeck zwar anvisierte, die Ausführung jedoch über die Latte segelt. Dann hielt Neuer noch gegen Gladbachs Norweger Håvard Nordtveit und die Borussia hatte auch das sechste Kräftemessen im Pokal gegen die Bayern verloren. Die können nun im Finale gegen Borussia Dortmund auf den Titel losgehen. Favre: "Das ist schwer zu akzeptieren." (Michael Robausch, derStandard.at 22.3. 2012)

DFB-Pokal, Halbfinale:
Borussia Mönchengladbach - Bayern München 0:0 n.V., 2:4 i.E.

Mönchengladbach: ter Stegen - Jantschke, Stranzl (62. Brouwers), Dante, Daems - Nordtveit, Neustädter - Wendt (62. Herrmann), Arango - Hanke (75. de Camargo), Reus. - Trainer: Favre

München: Neuer - Lahm, Boateng, Badstuber, Alaba - Luiz Gustavo, Toni Kroos - Robben, Thomas Müller (106. Petersen), Ribery - Gomez (100. Olic). - Trainer: Heynckes