Ich war in den 1970er Jahren acht Jahre lang Zögling eines weltlich geführten Internats. Freilich gab es auch damals die eine oder andere Ohrfeige oder Kopfnuss. Derartige Übergriffe von Erziehern, wie sie nun schon seit Jahren aus den Internaten und Konvikten der katholischen Kirche bekannt sind, hat es aber meines Wissens dort nicht gegeben.
Ein Staat im Staat mit Sonderrechten
So schlimm und abstoßend die Vorfälle in Kremsmünster und zahlreichen anderen Erziehungsinstituten der katholischen Kirche in Österreich auch sind und waren, stellt sich doch die Frage nach dem Warum. Wie ist es möglich, dass in einem demokratischen Land wie Österreich katholische Geistliche derart lange und unbescholten ihren sadistischen und pädophilen Untrieben nachgehen konnten?
Meiner Meinung nach liegt die Wurzel des Übels in der Tatsache, dass die katholische Kirche ein Staat im Staat mit Sonderrechten und Privilegien ist. An allen Schulen ist Religionsunterricht ein Pflichtgegenstand, so hat zum Beispiel ein HTL-Schüler in fünf Jahren genauso viele Englisch- wie Religionsstunden. Die Religionslehrer werden zwar vom Steuerzahler (auch den Nichtkatholiken!) bezahlt, bestellt oder entlassen werden sie aber von der Diözese.
Obwohl die katholische Kirche nach den Bundesforsten der zweitgrößte Grundbesitzer in Österreich ist, gibt es für sie Ausnahmen vom Stiftungs- und Fondsgesetz sowie von der Grundsteuer, die dem Staat alljährlich einen Steuerentgang von 53 Millionen Euro bescheren.
Es fehlen "echte" Konsequenzen
Vor dem Hintergrund dieser politischen und wirtschaftlichen Machtstruktur glauben einige Würdenträger nach wie vor, für sie gelte kein weltliches Recht und sie seien hinter den Klostermauern vor dem Zugriff der Justiz geschützt, was manche von ihnen geradezu ermutigt, ihre krankhaften, sadistischen und pädophilen Neigungen an wehrlosen, ihnen anvertrauten Minderjährigen auszuleben.
Was ist in der Vergangenheit schon passiert? Schlimmstenfalls eine Versetzung, die es dem "Fehlgeleiteten" auch noch ermöglichte, seinen Opferkreis auszuweiten.
Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma ist die Kündigung des Konkordats, eine saubere Trennung von Kirche und Staat, wie sie in Frankreich praktiziert wird. Alle katholischen Würdenträger (übrigens auch die der anderen Konfessionen) sind der nationalen Gerichtsbarkeit und nicht der des Vatikans zu unterstellen. Der Religionsunterricht an den Schulen gehört auf einen Freigegenstand zurückgestuft, die Bezahlung der Religionslehrer hat durch die Diözese zu erfolgen.
Außerdem gehört die katholische Kirche in steuerrechtlichen Fragen allen anderen Vereinen gleichgestellt. Nur mit solchen Reformen ist es möglich, dass Transparenz und rechtsstaatliche Prinzipien auch bis hinter die Klostermauern vordringen und zukünftigen Generationen von Kindern und Jugendlichen derartige Gräuel erspart bleiben. (Leserkommentar, Franz Turek, derStandard.at, 23.3.2012)