Genf/Damaskus/Kairo/Beirut/Peking - Die Vereinten Nationen beschleunigen ihre Vorbereitungen für eine Massenflucht aus Syrien. Derzeit hätten sich rund 100.000 Menschen vor der Gewalt in ihrer Heimat in Nachbarstaaten wie Türkei oder Jordanien in Sicherheit gebracht, sagte der neu ernannte UNO-Koordinator für die syrischen Flüchtlinge, Panos Moumtzis, Reuters. "Wir registrieren aber täglich mehr Menschen und noch mehr Leute versuchen, über die Grenzen zu kommen - also wird sich ihre Zahl erhöhen." Die Vereinten Nationen warnen inzwischen vor einer Massenflucht, die die Zahl der Bedürftigen auf mehr als 200.000 Menschen erhöhen könne.

Deshalb sei es nun vorrangig, dass die finanzielle Unterstützung der Flüchtlingshilfe mit dem wachsenden Bedarf Schritt halte, sagte Moumtzis. "In Jordanien, wo ich vor zwei Tagen war, kommen täglich rund 150 Menschen über die Grenze", sagte der Koordinator, der einen Großteil der ersten elf Tage in seinem neuen Amt in der Region verbracht hat. "Im Libanon sind es weniger, vielleicht zehn bis 15 Familien pro Tag. In die Türkei sind während der drei Tage, die ich dort war, 1.500 Menschen geflüchtet."

In den Grenzgebieten spielen sich demnach erschütternde Szenen ab: "Einige Leute kommen an den offiziellen Stationen über die Grenze, andere suchen ihr Heil über das freie Feld. Jeder versucht sich in Sicherheit zu bringen, auf welchem Weg auch immer." Moumtzis warnte davor, die Gastfreundschaft der Nachbarstaaten über Gebühr zu strapazieren. "Nach einer Weile lässt die Bereitschaft zu helfen selbst bei bestem Willen nach." In Jordanien und Libanon werden die Flüchtlinge häufig privat aufgenommen. Die Türkei hat acht Zeltstädte organisiert.

Schwere nächtliche Zusammenstöße und Angriffe

Bei nächtlichen gewaltsamen Zusammenstößen und Angriffen in Syrien sind nach Angaben von Aktivisten mindestens zwei Menschen getötet worden. In der Hauptstadt Damaskus und Umgebung habe es "sehr heftige" Zusammenstöße zwischen Soldaten und Deserteuren gegeben, sagte der Aktivist Mohammed al-Shami am Samstag der Nachrichtenagentur AFP. In der gesamten Region seien Explosionen und Schüsse zu hören gewesen. In den Städten Duma und Artus nahe Damaskus und in der Hauptstadt selbst gab es demnach in der Nacht mehrere Massenproteste gegen die Regierung.

Der im Exil tätigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge wurde bei einem Angriff der syrischen Sicherheitskräfte auf die Stadt Sarakeb in der Provinz Idlib ein Zivilist erschossen. Ein weiterer Mensch starb demnach in der Provinz Daraa, ebenfalls eine Hochburg der Proteste. Seit Samstagmorgen stehen der Beobachtungsstelle zufolge zudem wieder mehrere Viertel von Homs, die nahegelegene Stadt Kusseir sowie die Stadt Kalaat al-Madik in der zentralen Provinz Hama unter Beschuss.

Der Syrien-Sondergesandte Kofi Annan, der sich an diesem Wochenende in Moskau aufhält, reist nach Angaben des chinesischen Außenministeriums nun erst Anfang kommender Woche nach Peking. Annan werde am Dienstag und Mittwoch in China erwartet, teilte das Ministerium auf seiner Internetseite mit, ohne sich zu den Gründen der Planänderung zu äußern. Annans Sprecher hatte ursprünglich erklärt, der Gesandte werde im Bemühen um einen Ausweg aus der Syrien-Krise am Wochenende nach Moskau und Peking reisen. 

ElBaradei fordert Friedenstrupp

Russland und China sind derzeit die Hauptgegner einer scharfen UN-Resolution gegen die Machthaber in Syrien. Der russische Präsident Dmitri Medwedew will dem Sondergesandten von UNO und Arabischer Liga, Kofi Annan, einen Vorschlag für einen Waffenstillstand und ein Ende der Gewalt unterbreiten. Dafür müsse aber die militärische und politische Unterstützung der Opposition aus dem Ausland beendet werden, forderte der Kreml in einer Mitteilung am Samstag.

Friedensnobelpreisträger ElBaradei forderte eine UNO-mandatierte arabische Truppe für Syrien. "Es muss sofort eine Friedenstruppe nach Syrien geschickt werden, die sich zwischen die Fronten stellt", sagte ElBaradei der jüngsten Ausgabe des Magazins "Focus".

Syrischer Pilot landet nach Kampfeinsatz in der Türkei

Ein Pilot der syrischen Streitkräfte soll sich während eines Kampfeinsatzes mit seinem Hubschrauber in die Türkei abgesetzt haben. Das berichtete der Nachrichtensender Al-Arabiya am Samstag. Den Angaben zufolge hatte der Pilot den Auftrag erhalten, Zivilisten in der Ortschaft Asas nördlich von Aleppo zu bombardieren. Doch anstatt den Befehl auszuführen, habe er Stützpunkte der Sicherheitskräfte in der Provinz Aleppo bombardiert und sei anschließend in der Türkei gelandet. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana dementierte den Bericht.

Gegner des Regimes von Präsident Bashar al-Assad hatten in den vergangenen Tagen mehrfach über Angriffe auf Asas berichtet und auch Videos veröffentlicht, die angeblich nächtliche Luftangriffe auf den Ort zeigen. Asas liegt nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt.

Am Samstag soll die syrische Armee erneut mehrere Viertel der Protesthochburg Homs mit Granaten beschossen haben. Aufgrund der Medienblockade der Regierung sind derartige Berichte oft nicht zu überprüfen. (APA/Reuters, 24.3.2012)