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Ohne Notlagen kommen auf 100 geborene Mädchen rund 105 geborene Buben. Müssen die Mütter während der Schwangerschaft Hunger leiden, steigt der Mädchenanteil leicht.

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Die Verteilung von Frauen und Männern auf unserem Planeten ist alles andere als eine triviale Angelegenheit. In den Industrieländern kommen auf 90 Männer rund 100 Frauen - was in erster Linie der geringere Lebenserwartung der Männer geschuldet ist. Es werden zwar mehr männliche Säuglinge geboren (1,05 männlich zu 1,0 weiblich), doch der Männerüberschuss schlägt ab einem Alter von rund 57 Jahren zu einem Frauenüberschuss um.

In den Entwicklungsländern bleibt wegen der geringeren Lebenserwartung beider Geschlechter das Verhältnis bei der Geburt erhalten. In China wiederum kommen wegen der Abtreibung weiblicher Föten auf 1000 Mädchen 1133 neugeborene Buben.

Warum es im Großen und Ganzen in etwa so viele männliche wie weibliche Babys gibt, wird genetisch erklärt. Die erste entsprechende Theorie stammt vom Evolutionsbiologen Ronald Aylmer Fisher aus dem Jahr 1930. Stark vereinfacht: Kommt es in bestimmten Zeiten zu einem Überschuss eines Geschlechts, gleicht sich das aufgrund der genetischen Merkmalsverteilung in der Enkelgeneration wieder aus.

Andere Ansätze

Vor Fishers genetischer Erklärung gab es aber auch noch andere Ansätze (etwa des österreichischen Biologen Paul Kammerer), die Umweltfaktoren wie etwa der Temperatur eine wichtige Rolle für die Geschlechterverteilung zuerkannten. Das ließ sich für etliche Tierarten auch bestätigen.

Gibt es auch beim Menschen Umweltfaktoren, die sich auf das Geschlechterverhältnis bei der Geburt auswirken? Kammerer hatte das vor fast 100 Jahren bejaht: In Notzeiten würden mehr Buben geboren werden, weil sie quasi ein "Mangelprodukt" seien.

Bei einer Auswertung der Geburten in China zwischen September 1929 bis Juli 1982 bestätigte sich zwar die These, dass Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Doch der Zusammenhang ist genau umgekehrt, wie der US-Demograf Shige Song (Queens College) in den "Proceedings B" der britischen Royal Society schreibt. 

Großer Vorwärtssprung ging nach hinten los

In Hungerphasen bringen Frauen etwas mehr Mädchen zur Welt. Das konnte Song an der sich leicht verändernden Veränderung der Geschlechterverteilung während und nach der großen Hungersnot in China zwischen 1959 und 1961 zeigen. Die damalige Katastrophe, die 30 Millionen Tote forderte, wurde vom "Großen Sprung nach vorn" ausgelöst, der freilich nach hinten losging. Mit diesem Plan wollte die chinesische Führung die Industrie massiv ankurbeln.

Song entdeckte einen geringen, aber statistisch eindeutigen Rückgang bei Geburten männlicher Babys ab April 1960, also rund ein Jahr nach Beginn der Hungersnot. Ihr Anteil ging von mehr als 52 auf 51 Prozent zurück. Die Mütter waren ein halbes Jahr nach Beginn der Hungersnot schwanger geworden. Rund zwei Jahre nach der Hungerphase, im Oktober 1963, kam es zu einem Anstieg der Anzahl der Knaben. Das herkömmliche Geschlechterverhältnis wurde binnen zweier Jahre erreicht.

Ob bei Hunger zu Beginn der Schwangerschaft von vornherein mehr weibliche Embryonen entstehen oder ob im Lauf der Schwangerschaft männliche Embryos seltener überleben, geht aus den Daten nicht hervor. Auch die evolutionäre Bedeutung bleibt unklar. Womöglich sind Mädchen anspruchsloser und überleben eher Notzeiten als Buben. (tasch, DER STANDARD, 28.3.2012)