Das über Facebook in Umlauf gebrachte Video "Kony 2012" hat in den letzten zwei Wochen mehr als zehn Millionen Zuschauer und Zuschauerinnen erreicht. Die Öffentlichkeitskampagne der US-Nichtregierungsorganisation Invisible Children, die sich seit 2005 mit der Lord's Resistance Army (LRA) unter der Leitung des Warlords Joseph Kony beschäftigt, wird seitdem weltweit intensivst debattiert - in den Medien, auf Facebook, in Blogs und nicht zuletzt in den Zeitungen.

Und genau das ist das Erschütternde an der Reaktion im Westen, das heißt dort, wo der Konflikt bisher kaum in der Öffentlichkeit bekannt war: "Kony 2012" weckt Interesse an Invisible Children, an dem politischen Potenzial sozialer Medien, aber bestenfalls in zweiter Linie daran, zu verstehen, wer Kony ist und worum es sich überhaupt bei dem Konflikt handelt.

Stereotype helfen hier nicht weiter

Selten werden die Hintergründe auch nur angedeutet. Schlimmer noch, wird potenzielle Unkenntnis durch Stereotype und die imaginierte Allmacht westlicher Intervention ersetzt. Dazu gehören Botschaft und Rhetorik des Videos selber, die den Co-Gründer der NGO, Jason Russell, durch die Augen seines kleinen Sohnes als Superhelden, der das Böse aus der Welt schafft, erscheinen lassen, und die klare Aussage, dass mit dem Einsatz von US-Militärberatern der Warlord Joseph Kony im Jahr 2012 verhaftet werden muss, so dass dann alle Kinder freikommen und nach Hause in Uganda zurückkehren können.

Selbst der sonst durch kritische Brillanz überzeugende Hans Rauscher beschreibt im STANDARD unter der Überschrift "Humanitäre Intervention" Kony als "mörderischen Psychopathen wie aus dem Roman 'Herz der Finsternis'". Ähnlich stellt das Video Kony als bösen schwarzen Mann dar, doch sei daran erinnert, dass Conrads "Herz der Finsternis" in der Brust eines europäischen Warlords ruht und der Roman die koloniale Gewalt in Afrika an den Pranger stellt.

"Unsichtbar" aus westlicher Perspektive

Dabei entspricht die westliche Reaktion auf die Kampagne "Kony 2012" den Interessen der NGO. Inhaltlich betont Invisible Chilrden in Informationsmaterialien, wie der Name besagt, dass die von dem Konflikt betroffenen Kinder unsichtbar sind - unsichtbar aus westlicher Perspektive, sollte betont werden, denn in den in Afrika betroffenen Gebieten ist das Problem sehr wohl bekannt.

"Kony 2012" fordert zur Unterstützung der Petition und Spenden auf, mit kaum mehr als der Aussage, dass einem Kriegsverbrecher das Handwerk gelegt werden muss. Typisch für die Darstellung von Afrika, wird davon ausgegangen, dass die Gleichung Afrika = Gewalt = Notwendigkeit westlicher Intervention mit einem Minimum von Argumenten und Erklärung ausreicht.

Dem Wohlfühleffekt auf den Leim gehen

Neben den mangelnden Inhalten fällt bei der Öffentlichkeitsarbeit von Invisible Children, insbesondere auch bei "Kony 2012", auf, wie das Publikum mobilisiert wird. Persönlich erzählt von Jason Russell, werden nach einer kurzen Einleitung, die die Bedeutung sozialer Medien betont, zunächst die Geburt von Russells Sohn Gavin, Fotos und Videoclips aus dem Familienalbum und Gespräche mit Gavin gezeigt.

Somit wird der Blick nach innen gelenkt. Statt Stimmen afrikanischer Kinder in den Vordergrund zu stellen, um die es ja angeblich geht, sehen die Zuschauer immer wieder den blonden Gavin mit seinen Grübchen mit dem Wohlfühleffekt, dass ein Engagement bei Invisble Children ein Engagemnet für sich selbst, für diese Art von kalifornischem Mittelklasseleben ist, inklusive eigenem Garten mit Spielhaus und Trampolin.

Russell stellt zwar den jungen Ugander Jacob vor, den er bereits bei seinem ersten Besuch in dem ostafrikanischen Land 2003 kennenlernte, aber dieser bleibt ohne Nachnamen, verortet nur als ehemaliges Opfer und jetzt Familienfreund der Russells.

Schließlich tritt Invisible Children als Retter der Kinder Ugandas auf. Unterstützt vom Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC), Luis Ocampo, der auch im Video auftritt, ist das erklärte Ziel, Kony berühmt zu machen, damit er im Jahr 2012 festgenommen wird und somit das Ende des Konflikts und die Rückkehr der Kinder erreicht werden.

Insbesondere aus Uganda haben sich laute Stimmen vernehmen lassen, die diese Botschaft kritischst als naiv hinterfragen, und die offizielle Stellungnahme des Afrikakommandos der US-Armee zum Truppeneinsatz lautet, dass es keine alleinige militärische Lösung des Konflikts geben kann - etwas, was jedem klar ist, der mit derartigen Kriegshandlungen auch nur im Geringsten vertraut ist.

Den regionalpolitischen Kontext nicht vergessen

Joseph Kony ist weder ein Osama bin Laden noch ein Adolf Hitler, eine Reihung, die das Kampagnenposter aufstellt. Es soll am historisch relevanten Tag, dem 20. April, weltweit geklebt werden. Kony und vier weitere Anführer der LRA stehen zu Recht vom ICC unter Anklage als Kriegsverbrecher.

Allerdings ist es kaum zu vertreten, dass er die Inkarnation des Bösen im Jahr 2012 ist. Warlords nutzen Gewalt als Mittel zum Erreichen ökonomischen Gewinns, in der Regel durch die Kontrolle von und den Handel mit Umweltressourcen wie bespielsweise Diamanten.

Sie agieren meist in globalen Handelsnetzwerken, durch die besagte Blutdiamanten zu den Konsumenten und Konsumentinnen in Europa und Nordamerika gelangen. Zur Legitimation der Gewaltausübung und Mobilisierung von Anhängern werden häufig auch politische Zielsetzungen verwendet.

Die LRA und Joseph Kony sind in dieser Beziehung ungewöhnlich, da weder politische noch ökonomische Argumente im Vordergrund stehen und die LRA bereits länger als jede andere Armee dieser Art in Afrika besteht.

Die Bewegung geht auf ihre Vorgängerorganisation zurück, das Lord's Resistance Movement, das Mitte der 1980er Jahre von einer ugandischen Frau, Alice Lakwena, gegründet wurde, um einen "christlichen" Krieg gegen die ugandische Regierung von Langzeitpräsident Yoweri Museveni zu führen - eine Bewegung, die Klagen über regionale Missstände im Norden des Landes bediente.

Ideologisch vermeint Kony ebenfalls im Sinn der Bibel und der zehn Gebote zu handeln, wobei er eine überwiegend aus Kindern bestehende Armee aufgebaut hat, die regional und eben nicht ausschließlich in Uganda, sondern insbesondere auch in der Demokratischen Republik Kongo und im Südsudan operiert. Ein tieferes Verständnis ist nur in diesem regionalpolitischen Kontext möglich. Der regionale Truppeneinsatz der Afrikanischen Union gegen die LRA trägt dem Rechnung.

Als Fazit bleibt festzustellen, dass "Kony 2012" Joseph Kony tatsächlich berühmt gemacht hat, wie die Kampagne dies auch beabsichtigt. Allerdings lernt die Welt lediglich einen bösen schwarzen Mann kennen, der Kindern Schlimmes antut, und die Mehrheit der Medien tragen dazu bei, dass dies auch so bleibt. (Heike Schmidt, derStandard.at, 2.4.2012)