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Sind soziale Netzwerke mehr als nur Arbeitszeit-Killer?

Foto: Timur Emek/dapd

Kommentieren, liken, tweeten, chatten - die "Social-Media-Sucht" nimmt zu. Unterdessen sprechen sich Unternehmen zunehmend gegen die Nutzung von Onlineplattformen wie Facebook und Twitter während der Arbeitszeit aus. Genauso wie das Versenden von privaten E-Mails und das Surfen im Internet zählt die Kontaktpflege auf Facebook für die breite Masse schon ebenso zum Alltag wie das Aufdrehen des Computers oder der Kaffee in der Früh. Doch kann die digitale Ablenkung auch Positives für den Job bewirken?

Für die Karriere immer wichtiger und gefährlicher

Mittlerweile gehört die Recherche auf sozialen Netzwerken schon fast zur Routine bei der Personalauswahl. Mehr und mehr Arbeitgeber scannen den Onlineauftritt von Bewerbern, und auch die Zahl der Jobpositionen, in denen Social-Media-Plattformen zum Joballtag gehören, steigt weiterhin. Bei der Nutzung der beliebten Netzwerke ist allerdings auch Vorsicht geboten.

Von der aufgewandten Zeit abgesehen, kommt es beim Erstellen von Statusmeldungen beziehungsweise Kommentaren auf den Inhalt an. Wer seinen Chef auf der nicht privaten Pinnwand kritisiert, im angeblichen Krankenstand live vom Fußballmatch berichtet oder in der Nacht öffentlich sichtbare Partyfotos hochlädt, läuft Gefahr, mit einer Verwarnung und - im schlimmsten Fall - einer Kündigung rechnen zu müssen. Ob bewusst oder unbewusst, Mitarbeiter werden - vorausgesetzt, sie geben ihren Arbeitgeber in einem Onlineprofil an - automatisch zu einem "Imagevertreter" des Unternehmens. Was dies in letzter Konsequenz bedeutet, bekam bereits 2009 eine US-Angestellte zu spüren. Die damals 16-Jährige wurde fristlos entlassen, nachdem sie sich auf Facebook über die Eintönigkeit ihres Jobs beschwert hatte.

Eine Erweiterung des Lebenslaufs

In der heutigen Zeit sollte man sich aber dennoch die Frage stellen, ob es nicht auch einen schlechten Eindruck macht, auf sozialen Netzwerken inaktiv zu sein. Persönliche Netzwerke sowie Aktivitäten auf diesen können viel Positives über eine Person aussagen und einen Vorteil im bestehenden Job oder bei der Arbeitssuche bedeuten. Verkäufer, Werber oder Berater mit einer entsprechenden Anzahl an Kontakten auf Karrierenetzwerken - wie Xing oder LinkedIn - machen bei der nächsten Bewerbung vielleicht schon einen besseren Erst- bzw. Vorabeindruck als jene, die hier keinen nachweislichen Stamm an aktiven Kontakten aufzeigen können.

Für jemanden, der beispielsweise in der Kreativbranche und/oder Konzeption arbeitet und mit interessanten Tweets eine Vielzahl an Followern aufbaut, schafft mit seinem Twitter-Account eine Erweiterung seines digitalen Portfolios. Ebenso positiv kann ein kanalisiertes Facebook-Profil wirken, wenn sich der Nutzer mit den Privatsphäre- und Gruppeneistellungen auseinandergesetzt hat. Der Wiener Raoul Haslauer hat im vergangenen Jahr mit seiner eigenen viralen Kampagne inklusive seinem Youtube-Video bewiesen, dass die kreative Nutzung der Social-Medias zu einer erfolgreichen Einstellung führen kann. Dem Werbekademie-Absolventen ist es mit dieser Aktion gelungen, seinen Wunsch-Arbeitgeber zu beeindrucken, und gehört mittlerweile seit knapp zwei Jahren zum Team der Online-Agentur Wunderknaben.

Neue Chancen für Unternehmen

Abseits des privaten Stöberns auf den genannten Onlineplattformen wurde der Markt durch diese auch mit neuen Job- und vor allem Werbemöglichkeiten erweitert. In vielen Branchen gehören Facebook und Co. zur täglichen Agenda und sind von dieser kaum mehr wegzudenken. Diese schnellen, zusätzlichen Kommunikationskanäle sind wertvolle Instrumente, um mit Kunden und Partnern in Verbindung zu bleiben oder einen neuen Bezug zu schaffen.

Laut einer Erhebung der Wirtschaftskammer Österreich nutzen 48 Prozent der österreichischen Betriebe soziale Medien. Aus den vorliegenden Daten geht aber auch hervor, dass noch eine Vielzahl von ihnen ohne konkrete Ziele und Vorgaben an das Thema herangehen. Nicht umsonst steigt die Nachfrage nach Social Media Agenturen sowie internen Fachkräften, die es verstehen, eine Marke beziehungsweise ein Unternehmen auf diesen Netzwerken entsprechend zu platzieren.

Zwischen Meinungsfreiheit und Richtlinien

Was in Deutschland mittlerweile vermehrt aufkommt und in Österreich bald ein Thema sein wird, sind sogenannte Social Media Guidelines - also Richtlinien, die den Umgang mit den beliebten Internetseiten aus der Anarchie bewegen sollen. Als eigene Absicherung hat beispielsweise die Deutsche Bahn neben einer schriftlichen Dokumentation, dem DB-Mitarbeiter-Kompass, ein erklärendes Video für seine Internen produzieren lassen.

Unterschieden wird im Allgemeinen zwischen Empfehlungen wie einer allgemeinen Netiquette und verbindlichen Vorgaben wie dem Verbot, Betriebsgeheimnisse preiszugeben. Es gibt Dinge, die kann und sollte ein Unternehmen festlegen, aber dennoch viele Themen, die schlichtweg nur den Mitarbeiter etwas angehen.

Segen und Fluch

Unabhängig davon, ob er am Computer oder Smartphone stattfindet, der verantwortungsvolle Umgang mit sozialen Netzwerken ist die Grundlage für eine Vertrauensbasis zwischen Arbeitgeber und -nehmer. Sofern sich beide Parteien über die Chancen und Risiken der Medien bewusst sind, können Facebook und Co. den Arbeitsalltag bereichern. (Martin Pauer, derStandard.at, 28.3.2012)