Nein, schreibt der angesehene Innenpolitik-Chef der Salzburger Nachrichten, Andreas Koller. Man solle endlich aufhören, auf die Provokationen der FPÖ hereinzufallen, das verschaffe der Rechtsaußen-Partei nur Aufmerksamkeit und klammheimliche Zustimmung. Schon Jörg Haider habe - erfolgreich - eine Provokationsstrategie gefahren, und Strache mache das - etwas primitiver - einfach nach. Sind wir kritischen Journalisten am Aufstieg von Haider und Strache schuld? Sollen wir ihre Ungeheuerlichkeiten totschweigen oder einer " distanziert-kritischen Reflexion" (Koller) unterziehen? Würde das den Aufstieg der extremen Rechtspopulisten hemmen?

Umso begeisterter

Natürlich nicht. Was wäre gewesen, wenn die seriösen Medien die NS-affinen Sager Haiders und die mit SS-Symbolen durchsetzten antitürkischen Strache-Comics mehr oder minder ignoriert hätten? Dann hätte die Krone umso begeisterter über die Anti-Ausländer-Parolen der beiden geschrieben. Die Plakate hätte jeder gesehen. Haiders und Straches Hetzereien wären nicht unbemerkt geblieben, sondern nur unkommentiert.Abgesehen davon ist es ja nicht wahr, dass auf Haiders und Straches Ausbrüche (die kalkulierte Provokationen sind, aber ebenso sehr Herzenssache) stets Stimmenzuwächse gefolgt wären. Als Haider im Wiener Wahlkampf des Jahres 2001 Antisemitisches von sich gab, blieb er unter den Erwartungen; danach ging es - auch wegen seiner eigenen Verrücktheiten - bergab mit ihm. Als Strache kürzlich meinte, die FPÖ-Parteigänger wären die "Juden von heute" , gingen seine Werte zurück.

Aber machen wir uns nichts vor: Ein nennenswerter Teil der Österreicher ist anfällig für rechte Parolen oder findet nichts dabei. Nur: Wenn niemand die Ungeheuerlichkeiten der Haiders und Straches thematisiert und kritisiert, dann glauben viele andere, das sei eh okay, oder man könne eh nichts machen. Dann bekommt die extreme Rechte die Meinungsvorherrschaft, und der Mitläufereffekt setzt ein. Die FPÖ macht sich ja zum Teil echte Missstände zunutze. In Innsbruck z. B. gibt es ein Problem mit kriminellen Marokkanern. Die nicht-rechten Parteien müssten hier Lösungen anbieten. Tun sie aber nicht. Die Folgeprobleme der Migration wurden viel zu lange verdrängt. Ebenso wie die schlechte Perspektive für viele Junge.

Irgendwann wird ja erkennbar, dass die extreme Rechte auch keine Lösungen hat. Bei Haider war das zum Schluss der Fall. Bei Strache wird es auch so sein, wenn ihm diese umnachtete Regierung nicht den Sieg auf dem Tablett serviert. Die neuen politischen Bewegungen, die sich formieren, tun das ja nicht nur aus Frust über SPÖ/ÖVP/Grüne, sondern auch aus Furcht vor der FPÖ. In dieser Situation muss die verantwortliche Publizistik ihre Aufgabe erfüllen und klar, hart und unerschrocken sagen, was Sache ist: Haider und Strache bedeuten Verhetzung, Nazi-Nostalgie, aber gleichzeitig Unfähigkeit zur Lösung der Probleme. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 4.4.2012)