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Auf der Suche nach Idylle kaufen sich immer mehr Russen Häuser am Meer. Bevorzugte Regionen sind Europas Sorgenkinder wie Griechenland, Zypern, Spanien oder auch Italien.

Foto: AP/Virtanen

Anfang April ist es noch frostig in Moskau. Mit Eis und Schnee führt General Winter letzte Rückzugsgefechte. Schwere graue Wolken hängen tief über der russischen Hauptstadt und drücken den Moskauern aufs Gemüt. An solchen Tagen träumen viele Russen vom Häuschen im Süden, vom sanften Rauschen der Meereswellen und der wärmenden Sonne.

Alexej hat sich diesen Traum erfüllt. Sein Haus auf der griechischen Halbinsel Chalkidike, einige Dutzend Kilometer von Saloniki entfernt, ist sein ganzer Stolz. Alexej ist ein erfolgreicher Unternehmer. Mit dem Import von Druckerzeugnissen ist der 44-Jährige Millionär geworden - auch dank zwielichtiger Methoden bei der Einfuhr der Waren. "Graue Schemen" nennen die Russen die halbseidenen Methoden der Gesetzesumgehung. Seit Jahren funktioniert das graue Geschäft mit dem Zoll wie geschmiert.

Und doch kann sich auch Alexej nicht sicher sein, dass in Russland morgen noch die gleichen Regeln gelten, mit denen er gestern reich geworden ist. "Das Haus in Griechenland ist auch eine Art Versicherung", räumt er ein. Denn der Immobilienbesitz sichert dem schwergewichtigen Unternehmer auch ein Multivisum - und damit im Notfall die Möglichkeit, vor Problemen mit den Behörden aus der Heimat zu flüchten.

Szenenwechsel Limassol: Im Hotel Appollonia Beach sitzt Reiseführerin Irina. Die junge Frau lebt seit Jahren auf Zypern. "Inzwischen stammen wohl 30 Prozent der Bewohner Limassols aus Russland", sagt sie. Die " Insel der Götter" bietet nicht nur den Aphrodite-Felsen und die Sonne des Südens, sondern zugleich alle Steuervorteile einer Offshore-Zone. So kommen russische Unternehmer in Scharen, um hier Briefkastenfirmen zu gründen und Immobilien zu erwerben. Nach Einschätzung des Immobilienunternehmens Knight Frank haben russische Investoren 2009 die Briten bei der Anzahl der Häuserkäufe überholt. Die Spitzenposition halten sie bis heute. Der Ansturm der Russen hat der regionalen Baubranche zu einem regelrechten Boom verholfen. Fast überall in Limassol sind neue Apartmenthäuser entstanden. Häuserpreise, aber auch Lebenshaltungskosten sind dank der reichen Russen hoch.

Gebaut wird auch an der bulgarischen Schwarzmeerküste, das Rauschen der Meereswellen in der alten Stadt Nessebar wird übertönt vom Kreischen der Möwen - und dem Baulärm in den umliegenden Orten. Die Neustadt von Nessebar und die benachbarten Slantschew Brjag (Sonnenstrand) und Vlas stehen voller neuer Apartmenthäuser; vornehmlich für Russen, die inzwischen Deutsche und Briten als Käufer verdrängt haben.

Neues Heim für Mittelklasse

"80 Prozent unserer Klienten sind Russen", sagt Petja, Immobilienanwältin aus Nessebar. In den letzten drei bis vier Jahren haben sich 300.000 bis 400.000 Russen ein neues Zuhause an der bulgarischen Schwarzmeerküste gekauft, die Investitionen belaufen sich insgesamt auf mehr als eine Milliarde US-Dollar. "Hier zieht es vor allem die russische Mittelklasse her", erklärt Anna Lagutina. Eine Wohnung koste im Schnitt etwa 50.000 Euro, Häuser seien zwischen 100.000 bis 140.000 Euro zu haben, schätzt sie. Die Maklerin stammt aus Moskau und arbeitet seit zwei Jahren in Bulgarien. Das Geschäft läuft gut, dank der Russen sind die Preise auch in der Krise weitgehend stabil geblieben. Als Käufer sind sie schnell und entscheidungsfreudig.

Und so kaufen sich die Gutbetuchten auch an den Küsten Spaniens, Italiens und Frankreichs ein. Die Moslems in Russland zieht es in die Türkei und in die Vereinigten Arabischen Emirate - nicht zufällig wurde der auf der Seite Russlands kämpfende tschetschenische Bataillonskommandeur Sulim Jamadajew vor seiner Villa in Dubai erschossen, die tschetschenische Diaspora dort ist groß. Und die Wagemutigen lassen sich auf windige Immobiliengeschäfte in Abchasien ein, der kleinen Kaukasus-Republik, die außer Russland bisher nur Nauru, Nicaragua, Vanuatu und Venezuela anerkannt haben.

Immobilie zur Absicherung

"Seit Mitte 2011 ist die Tendenz so, dass immer mehr russische Bürger Immobilien im Ausland kaufen. Obwohl es Gründe dafür sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft gibt, liegen die Ursachen tiefer als im Ausgang der vergangenen Wahl. Möglich, dass viele ausländische Immobilien als Chance sehen, ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen aus Russland herauszuverlegen", meint Jewgeni Nadorschin, Chefökonom bei AfK Sistema.

Für die russische Wirtschaft ist dies negativ. Im Vorjahr ist nach Einschätzung von Stanislaw Singel, Präsident der Immobilienagentur Gordon Rock, der Umfang der Immo-Käufe im Ausland von zwölf auf mehr als 15 Mrd. US-Dollar gestiegen. Sie sind damit ein elementarer Bestandteil der 85 Milliarden US-Dollar umfassenden Kapitalflucht aus Russland.

Diese Kapitalflucht ist ungebremst. So sind nach Einschätzung der Zentralbank schon in den ersten beiden Monaten 2012 rund 20 Milliarden US-Dollar aus Russland abgeflossen, die Schätzung des Wirtschaftsministeriums liegt noch um sechs Milliarden US-Dollar höher. Ein Teil der Summe dürfte bald wieder an einer der mediterranen Küsten auftauchen - als Anlage in neue Luxus-Apartments. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD; 10.4.2012)