Der Fliegende Holländer ist definitiv Migrant. Ein Tschusch, sozusagen. Seit hunderten von Jahren unterwegs. Während dieser Zeit vermutlich kein einziges Mal in Holland. Aber er ist immer noch Holländer.

Der ewige Jude hat endlich einen Kollegen – den ewigen Migranten. Entsolidarisiert hätte ich mich, meinte Kübra Atasoy in einem Leserkommentar am 5. April auf derStandard.at, es mir leicht gemacht, meine Herkunft verleugnet, jedenfalls klingt er in ihrem Beitrag stark an, dieser Vorwurf des Abwendens.

Verkürzt und dadurch verfälscht wiedergegeben

Wie sie darauf kam, war mir zwar schwer nachzuvollziehen, hatte aber offensichtlich den Ursprung in meinem Statement für SOS Mitmensch, den Begriff "Menschen mit Migrationshintergrund" als politisch missbräuchliche Bezeichnung wegzulassen, solange diese ungefragt von außen aufgesetzt wird. Ich dachte, ich hätte meine Bereitschaft, sich ehrenamtlich und auch beruflich für gleiche Bildungschancen, für Frühförderung und gleiche Rechte einzusetzen, deutlich kommuniziert. Es genügt aber anscheinend ein einziger verkürzt und dadurch verfälscht wiedergegebener Satz, um das alles wieder umzuwerfen.

Dass dieser Begriff ungünstig ist und absichtlich falsch gebraucht wird: Davon bin ich nach wie vor überzeugt. Denn dieser Hintergrund verfolgt den Träger wie eine biblische Plage wohl noch bis ins siebte Glied.

Die dritte Generation wird immer noch daran gehindert, diese Zuschreibung hinter sich zu lassen. Mittlerweile ist es leider so, dass dieser Begriff jenen des Tschuschen ersetzt hat, wie ich bereits in meiner Kolumne vermerkte, denn dieser sogenannte Hintergund wird nur bemüht, wenn der Adressat vor allem aus der Türkei oder aus Ex-Jugoslawien stammt. Er ist in meinen Augen abwertend, verächtlich und lenkt von realen Problemen auf absolut konstruierte ab, die sich dann politisch wundervoll ausschlachten lassen. Das Bestehen auf diesem Terminus ist für mich daher schwer nachvollziehbar, da er Gräben weiter vertieft, statt sie auszugleichen.

Der Migrant ist immer der arme Migrant

Vielleicht sollte Frau Atasoy sich überlegen, ob mit dem Bestehen darauf den vielen Menschen wirklich geholfen wird, die mit diesem Etikett versehen weiterhin Bildungsungleichheit und weniger Aufstiegschancen in Österreich vorfinden. Denn die russische Opernsängerin, der indische Unternehmer und die amerikanische Schriftstellerin werden niemals als Menschen mit Migrationshintergrund bezeichnet, auch nicht dann, wenn sie keine ausreichenden Sprachkenntnisse besitzen. Der Migrant ist immer der arme Migrant, einer, den man nicht einlud und der trotzdem kam, das ist das Bild, das Parteien wie die FPÖ großflächig unters Volk bringen wollen. Herr Kurz verbindet daraufhin Integration mit Leistung und unterstellt somit jedem Unerfolgreichen auch gleich eine Integrationsverweigerung – so einfach kann man es sich als Politiker machen.

Auch in der Kunst ist diese Ungleichheit gut spürbar: Schreibt ein Deutscher ein Buch über Nigeria, so ist das ein Roman. Schreibt ein Nigerianer ein Buch über Deutschland, ist es Migrationsliteratur. Ich wünschte mir, dass die Öffentlichkeit das wahrnimmt, um was es geht: Eine Österreicherin, ein Türke und eine Nigerianerin schreiben. Literatur. Kurzgeschichten. Drehbücher.

Mein Abwenden von diesem Begriff hat nichts mit dem Abwenden von meiner Geschichte, nichts mit mangelnder Solidarität, sondern mit dem Wunsch zu tun, weniger Bretter an weniger Stirnen befestigt zu sehen. (Julya Rabinowich, derStandard.at, 11.4.2012)