Wien - Lebenslanges Lernen ist eine feine Sache - eine wertvolle Erfahrung, die Richterin Claudia Moravec-Loidolt am Montag im Wiener Landesgericht machen kann. Denn nachdem es ihr die drei Angeklagten erklärt haben, weiß sie nun, was ein Boxerschnitt ist. Eine Frisur, bei der nur in der Mitte ein Haarstreifen bleibt, während der Rest wegrasiert ist. Diese Haartracht spielt in dem Prozess gegen drei (Ex-)Türsteher einer Wiener Großdisco keine unwesentliche Rolle - denn keiner von ihnen hat so eine.

Esmat A., Arsim M und Philip M., zwischen 23 und 27 Jahre alt, sitzen wegen Körperverletzung hier, da sie bei zwei Vorfällen im Vorjahr drei Menschen verletzt haben sollen. Das Interessante: Zwei der beiden bekennen sich teilschuldig - warum, wird im Laufe des Verfahrens unklar.

Problematische Mischung

Sicher ist, dass am 24. April 2011 vor dem Lokal in Wien-Donaustadt eine etwas problematische Mischung entstand: viel Alkohol und viel Testosteron. Mehrere Dutzend junge Männer waren in eine Auseinandersetzung verwickelt, die Türsteher gingen dazwischen. Philip M. zum Beispiel gesteht zu, dass er eine Person am Boden und eine an einem Auto fixiert hat. Auch Esmat A. kann sich durchaus vorstellen, dass er jemanden erwischt hat. "Haben Sie dosiert geschlagen?", will die Richterin wissen. "Eine Watsche habe ich ihm gegeben." "Eine dosierte Watschen also."

Womit der Prozess vorbei sein hätte können, wären nicht die sieben Zeugen gekommen. Deren Aussagen als widersprüchlich zu bezeichnen ist ein Euphemismus.

Versionen stimmen nicht überein

Tatsächlich stimmt keine Version mit der anderen überein; dass einer der Angeklagten ein Täter gewesen sei, wird von einem Teil dezidiert verneint. "Ich glaube, sie haben die Falschen da", sagt einer. Einer kann sich genau an einen Security mit Boxerschnitt erinnern, ein anderer an jemanden mit völlig anderer Statur, ein Dritter beschreibt eine Szene, die das Opfer selbst gar nicht erlebt hat.

Detto beim zweiten Vorfall im Juni: Das angebliche Opfer, das selbst im Polizeiprotokoll als unglaubwürdig beschrieben wird, schildert den ebenso angeblichen Angriff völlig anders als seine Begleiter. Identifizieren können auch sie die Angeklagten nicht.

Der Staatsanwalt will seine Anklage dennoch nicht zurückziehen, das Verfahren wurde daher für weitere zwei Zeugen vertagt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 17.4.2012)