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"Eine Regierung von Technokraten, aber noch immer eine von Dieben": Der Zorn gegen die Regierung von Mario Monti (hier in Mailand) wächst.

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Komiker mit ernsthaften Absichten: Beppe Grillo führt eine Protestbewegung an.

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Noch nie hat sich Beppe Grillo ein Blatt vor den Mund genommen: "Ihr habt zwei Generationen die Zukunft geraubt, ein Volk zur Armut verdammt, die Verfassung mit Füßen getreten! Ihr seid Dilettanten! Nehmt euch einen Anwalt, der Nürnberger Prozess naht!" Jetzt, wo der rebellische Komiker und Politaktivist Morgenluft wittert, will er schon gar nicht schweigen. Sein "Movimento 5 Stelle" liegt in Umfragen bei 7,5 Prozent, Tendenz: steigend. Grillos Abrechnung mit der "Politik korrupter Greise" begeistert Tausende.

Einen Nürnberger Prozess brauchen Italiens Parteien nicht wirklich fürchten, aber es droht ihnen eine Gesundschrumpfung. In einem Jahr könnte die politische Landschaft komplett umgepflügt sein. "Populismus und Demagogie drohen alles wegzuspülen", sorgt sich etwa Pier Luigi Bersani vom linken Partito Democratico. Der Präsident der Abgeordnetenkammer, Gianfranco Fini, geht noch einen Schritt weiter: "Dem politischen System Italiens droht die Implosion!"

Populistische Kleinparteien

Erste Risse werden schon sichtbar: Bei den bevorstehenden Kommunalwahlen biedert sich den Wählern eine schier unüberschaubare Flut von Bürgerlisten und populistischen Kleinparteien an. Sie wollen alle von der vermeintlichen Politikmüdigkeit der Bürger profitieren. So bewerben sich für den Gemeinderat von Palermo mehr als 1300 Kandidaten.

In bizarren Koalitionen scheren die Parteien aus bisherigen Bündnissen aus: In Taranto unterstützen die Christdemokraten den kommunistischen Bürgermeister, in Parma votiert Finis Rechtspartei Futuro e Libertà per l'Italia für den linken Kandidaten.

Tief gespalten präsentiert sich Silvio Berlusconis Popolo della Libertà (PdL): In vielen Städten fordern nostalgische Forza-Italia-Listen - so hieß die Partei früher - die offiziellen PdL-Kandidaten heraus. Während Berlusconis Lager drastische Verluste drohen, bastelt der Christdemokrat Pier Ferdinando Casini mit Fokus auf die Katholiken in der technokratischen Regierung von Mario Monti an einer neuen Partei.

Die Italiener haben das Parteienkarussell gründlich satt. Desillusioniert, doch nicht ohne Schadenfreude verfolgen sie den schillernden Finanzskandal der Lega Nord, die noch vor 15 Jahren im Parlament demonstrativ einen Galgenstrick geschwungen hatte, um "die römischen Diebe aufzuknüpfen".

Korruption und Gefeilsche

Die unglaublichen Facetten dieser Affäre füllen täglich mehrere Zeitungsseiten. Da investiert ein Schatzmeister mit zwei erfundenen Doktortiteln das Geld der Partei in Tansania, dort fließen zehntausende Euro in die Familienkasse des Parteigründers Umberto Bossi, dessen Söhne sich Nobelkarossen kaufen.

Eine Unzahl an Fakten widerlegt Bossis kühne Behauptung eines "Komplotts": Der Fahrer seines Sohnes Renzo filmte gewissenhaft jede Geldübergabe. Nur die treuesten Anhänger glauben dem "Senatúr", der unter Tränen versichert, "von nichts gewusst zu haben". Die meisten Italiener empfinden den Lega-Skandal als Bestätigung dafür, dass die Parteien persönliche Interessen über das Gemeinwohl stellen; nur noch kümmerliche vier Prozent vertrauen den Parteien.

Auch Interimspremier Monti bekommt die Ernüchterung zu spüren: Seine Umfragewerte sinken. Die Regierung scheint im Schlick des Parteiensumpfs festgefahren. Nahezu täglich gerät man sich in die Haare, um jeden Beistrich wird gefeilscht, vor allem bei der Arbeitsmarktreform, die trotz intensiver Verhandlungen noch nicht durch ist. Zudem blockiert Berlusconis PdL das neue Wahlrecht und das überfällige Antikorruptionsgesetz.

Der Parteilose Monti zeigt sich als geduldiger Vermittler, lobt die Parteien als "unersetzliche Träger der Demokratie". Doch deren Weigerung, die üppige staatliche Parteienfinanzierung zu reduzieren, löst in dem von denselben Parteien heruntergewirtschafteten Land eine Welle der Empörung aus. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, 20.4.2012)