Mit 17,9 Prozent etabliert sich die französische Rechtsextremistin Marine Le Pen schon nach ihrem ersten wichtigen Wahlkampf in der französischen Politik. Ihr Ziel, in die Stichwahl vorzudringen, hat sie zwar verpasst. Doch ihr Schatten wird darüber hängen bleiben: Die Wähler des Front National (FN) werden das Duell Sarkozy - Hollande wohl entscheidend beeinflussen. Und sie sind zahlreich: 6,5 Millionen warfen am Sonntag den grauen Wahlzettel mit dem Namen Marine Le Pen in die Urnen.

Im industriellen Nordfrankreich betrug der FN-Anteil ortsweise mehr als 35 Prozent. Auch das Elsass ist eine Hochburg Le Pens - sie erzielte dort mehr als 20 Prozent der Stimmen. Noch stärker schnitt der Front National teilweise im Süden ab. Im Departement Gard mit der Hauptstadt Nîmes - zwischen Avignon und Montpellier gelegen - erzielte die FN-Kandidatin mit 25 Prozent mehr Stimmen als Hollande oder Sarkozy.

Soziales Mäntelchen

Die Rechtsextremen kamen - krisenbedingt - in einem sozialen Mäntelchen daher: Neben dem alten Feindbild Immigration betonte Marine Le Pen wirtschafts- und sozialpolitische Themen, die dem Programm der Linksfront von Jean-Luc Mélenchon glichen: Knebelung der Finanzmärkte, Ablehnung des "EU-Diktats", schärfere Besteuerung der Reichen, Lohnerhöhung um 200 Euro für alle, Recht auf Wohnung, Gratispflege im Gesundheitswesen.

Mit diesen Themen spricht Le Pen ein armes, ländliches Publikum wie im Departement Gard, aber auch Wähler in urbanen und industriellen Gebieten an. Von den Arbeitern wählten die meisten den Sozialisten François Hollande, am zweitmeisten aber Marine Le Pen. Deren Wähler sind eher jung und mehrheitlich männlich, während Vater Jean-Marie Le Pen gerade an der Côte d'Azur eher auf die Pensionisten zählte. Und den Anhängern von "Marine", wie sie sie nennen, sind viele Arbeitslose. Bei den unter 25-Jährigen sind in Frankreich 22,7 Prozent ohne Job - dreimal mehr als in Deutschland.

Bewusste Wahl

Le Pen profitierte zweifellos von der Wirtschaftskrise. Aber nicht nur: Die hohe Wahlbeteiligung (80 Prozent) legt den Schluss nahe, dass keineswegs nur Protestwähler für sie eintraten, sondern auch Normalbürger, die "positiv" wählen, also nicht nur in Ablehnung der etablierten Parteien, sondern in einem bewussten Entscheid für das Programm des Front National.

Le Pen wird deshalb auch bei den Parlamentswahlen im Juni ein Wörtchen mitreden. Ihrer Partei wird der Einzug in die Nationalversammlung kaum zu verwehren sein. Heute verfügt der FN wegen des Mehrheitswahlrechts über keinen Sitz im Parlament. Solange es bei diesem Ausschluss vom politischen Leben bleibt, werden die - sich gerne als Systemopfer präsentierenden - Lepenisten nur noch weiter zulegen. Gelangen sie aber ins Parlament, wird es den Bürgerlichen der Sarkozy-Partei UMP immer schwerer fallen, sich von den "Frontisten" abzugrenzen. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 24.04.2012)