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Ungarns Premier Viktor Orban ist für zwei Tage in Brüssel - und verkündet unbequeme Neuigkeiten.

Foto: Reuters/Vidal Eric

Budapest/Wien  - Das jahrelang von der OMV mit Partnern betriebene Gas-Pipelineprojekt Nabucco steht offenbar vor großen Schwierigkeiten: Der ungarische Premier Viktor Orban hat den Rückzug des ungarischen Öl- und Gaskonzerns MOL aus dem gemeinsamen Vorhaben angekündigt, das Gas aus der Kaspischen Region nach Europa zum Gas Hub Baumgarten in Österreich bringen soll. "Ich bin kein Experte für die Details, aber soweit ich gesehen habe, wird das ungarische Unternehmen MOL das Projekt verlassen", sagte Orban laut der ungarischen Nachrichtenagentur MTI zu Journalisten am Montag in Brüssel. "Nabucco hat Probleme" - zitieren die Medien heute, Dienstag, den Premier. Die EU-Kommission hingegen sieht alles im grünen Bereich - kritisch sei aber eine garantierte Lieferzusage Aserbaidschans, dessen Gas durch Nabucco nach Europa kommen soll.

Projektgesellschaft pocht auf Abkommen

Orban betonte zugleich die Wichtigkeit von Nabucco für Ungarn, da mit dem Projekt die "einseitige Abhängigkeit des Landes hinsichtlich der Absicherung der Energieversorgung beseitigt würde". Noch während der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft 2011 hatte sich Viktor Orban für die Realisierung der Gasleitung Nabucco eingesetzt.

Bei der Nabucco-Projektgesellschaft in Wien weist man am Dienstag auf Anfrage darauf hin, dass die MOL-Tochter FGSZ der ungarische Partner des Projekt sei, und man habe bisher keine "Anhaltspunkte, das sich das ändern wird". Das Nabucco-Pipelineprojekt basiert auf einem Abkommen, das von den Transitländern inklusive Ungarn unterzeichnet und ratifiziert worden ist", betonte die Nabucco Gas Pipeline International GmbH.

Kampf um aserbaidschanisches Gas

Nabucco-Partner MOL reagierte auf die Aussage von Orban und verwies in einer Aussendung auf "mehrere Unsicherheiten" im Zusammenhang mit dem Nabucco-Projekt, die "nicht außer Acht gelassen werden dürfen". So wurde erst im Vorjahr der Baubeginn der Pipeline um ein Jahr auf 2013 verschoben, das erste Gas aus der kaspischen Region sollte demnach erst 2017 nach Europa fließen, also zwei Jahre später als bis dahin geplant. Begründet wurde die Verschiebung damit, dass man die Pläne mit den Produzenten in den potenziellen Lieferländern der Kaspischen Region und im Nahen Osten abstimmen müsse.

Am 1. Oktober 2011 hatte die Nabucco-Gesellschaft dem Betreiber des aserbaidschanischen Gasfeldes Shah Deniz II (Schah Deniz) ein Angebot für den Gasexport nach Europa vorgelegt. Allerdings gilt derzeit das Pipeline-Projekt TANAP (Transanatolische Pipeline-Projekt) als Favorit für den Gastransport des Gases aus Shah Deniz II durch die Türkei. Die EU-Kommission hat das zwar bestätigt, eine Sprecherin erklärte aber am Mittwoch, Aserbaidschan werde in den nächsten Monaten seine Entscheidung über die Gaslieferung nach Europa bekanntgeben.

Laut dem türkischen Energieminister Taner Yildiz wird seit Ende Februar eine Zusammenarbeit der Nabucco mit der Tanap diskutiert, an der unter anderem auch der staatliche aserbaidschanische Öl- und Gaskonzern Socar beteiligt ist. Socar ist auch an dem Gasfeld Shah-Deniz beteiligt. Laut OMV-Chef Gerhard Roiss ist auch der Bau "einer Nabucco-West" von der türkisch-bulgarischen Grenze bis nach Baumgarten eine aktuelle Option.

Zwei Drittel des Weges in Türkei

Die Nabucco-Pipeline, das auch von der EU unterstützt wird, ist derzeit mit einer Länge von 3.900 Kilometern und einer jährlichen Transportkapazität von 31 Mrd. m3 Gas geplant. Sie soll den österreichischen Gas-Hub Baumgarten mit den Gasquellen des kaspischen Raums bzw. des Irak verbinden. Der Großteil der Pipeline, knapp 2.600 Kilometer, soll durch die Türkei führen. Die Gesamtkosten wurden vom Nabucco-Konsortium zuletzt mit knapp 8 Mrd. Euro veranschlagt, befinden sich aber seit dem Vorjahr in Überarbeitung. Internationale Schätzungen gehen von fast doppelt so hohen Kosten aus.

An der Nabucco sind die OMV, der deutsche Konzern RWE, die ungarische MOL-Tochter FGSZ, die türkische Botas, die rumänische Transgaz und die Bulgarian Energy Holding zu gleichen beteiligt. Seit dem Vorjahr verhandelt die deutsche Bayerngas über eine Beteiligung. (APA, 24.4.2012)