Zu den spannungsvollsten Nachbarschaften zählen jene von Heinrich Dunst, Franz Erhard Walther und Markus Wilf ling (im Uhrzeigersinn).

Foto: Graphisches Atelier Neumann

Zuwiderhandlungen sorgen inmitten abstrakter Kunst für Spannung.

Neuhaus/Suha - Den Weg zur Abstraktion vollziehen im Museum Liaunig bereits die Dinosaurier. Wirklich! Denn zwei pensionierten Fiberglas-Urviechern aus einem Themenpark - Stegosaurus und Mammut - hat Künstler Hans Schabus entweder die Beine "weggezogen" oder den Kopf abgetrennt. Der winzige begriffliche Kunstgriff sei erlaubt: Schließlich heißt das lateinische "abstrahere" so viel wie "abziehen". Und der Rumpf der Tiere verwandelt sich in der Tat; er entfernt sich vom Gegenstand: 2010 erfuhren sie auf der Berlin-Biennale temporär eine Nachnutzung als Schlafstätte.

Womöglich werden auch in Kärnten einmal Vögel in den abgetrennten Mammutstümpfen nisten, denn Sammler und Unternehmer Herbert Liaunig (66) baut ab kommenden Jahr nicht nur an 2500 zusätzlichen Quadratmetern Museum, sondern auch an einem eigenen Skulpturengarten. Im zweiten Teil der Ausstellung Realität und Abstraktion, die sich nun mehr der Gegenstandslosigkeit, den "konkreten und reduktiven Tendenzen seit 1980" widmet, sind die Urtiere eher als Bruch im Konzept gemeint.

Auch Werner Reiterers Mann mit blauem Sack über dem Kopf (Raw Loop, 2010), der beim Nähertreten plötzlich hörbar zu schnaufen beginnt, versteht sich als figürliche Irritation inmitten gegenstandsferner Linearität. Reiterers Witz trifft auf strenge, wenn auch opulente, farbige Geometrie in Werken - späten Werken! - von H+H Joos und Helga Philipp.

Seelenverwandte Nachbarn

Das ist nicht die einzige lustvolle Nachbarschaft, die Herbert und Sohn Peter Liaunig zwischen den Arbeiten der - zweifelsohne in beachtlichem Tempo wachsenden - Sammlung gestiftet haben: Die grellfarbig umsponnenen Wollspitzen, Objekte des jungen Österreichers Stefan Glettler, wickeln auch die Sinne ein und flirten mit der flimmernden Farbbalkenmalerei von Suse Krawagna. In Hans Kupelwiesers poliertem, aber dennoch etwas zerknittert wirkendem Edelstahlquader fängt sich das Rot von Hellmut Bruchs tafelbildartigem Wandobjekt. Die puzzleartigen Buchstaben-Stickbilder des aus der Arte povera kommenden Alighiero e Boetti treffen auf Schriftbilder aus Heimo Zobernigs Neo-Geo-Periode.

Die enge Farbpalette bringt hingegen Pierres Soulages und Rudi Stanzel, der sich auf die Abstufungen von Schwarz und Weiß konzentriert, zusammen. Darüber hinaus sorgen Papier und Seide auf Stanzels Leinwänden in unmittelbarem Wortsinn für Stofflichkeit, was wiederum die Nähe zu den pastosen Farbstrukturen Jakob Gasteigers erklärt. Im "grafischen Kabinett" Liaunigs finden sich große und kleine Lichtspiele: illuminiert wie bei Brigitte Kowanz oder Behrooz Daresh, illusionierend wie bei Heinz Mack, oder sich den Schatten zum Komplizen machend wie bei Paul Wallach.

Die Ästhetik dominiert die Hängung. Daher treffen "Söhne" auf "Väter", Eric Kressnig auf Karl Hikade, eine den Träger als bildstiftendes Element verstehende Malerei auf striktes Colourfield-Painting. Spannungsvolle Gegenüberstellungen, die die Sprödigkeit der darstellungslosen Kunst trickreich wie im Fußball überspielen.

Die kunstgeschichtlichen Kriterien, die Chronologien beleuchten und wahre Verwandtschaftsverhältnisse belegen, handelt Silvie Aigner im Katalog ab. Die sinnliche Ordnung in der Ausstellung, die logische im Schriftwerk: beste Aufgabenteilung. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 28./29.4.2012)