Richard Berczeller war ein begnadeter Geschichtenerzähler. Man muss ihn sich in der Tradition derer vorstellen, "die seit Menschengedenken auf den von Rauch durchzogenen Märkten auf ihr Publikum warteten und es für ein paar Groschen mit erfundenen Geschichten in ihren Bann zogen, denen sie manchmal auch ein paar Fakten beimischten".

So schreibt es Richard Berczellers Sohn Peter im Nachwort zum Buch Fahrt ins Blaue, und es wäre ungehörig, den Sohn in der Charakteristik des Vaters widersprechen zu wollen. Aber es war wohl umgekehrt: In den Geschichten, die Richard Berczeller, der aus Österreich vertriebene Arzt, von 1963 bis 1974 für den New Yorker schrieb - und die nun im Czernin-Verlag erstmals auf Deutsch erschienen sind -, werden geschichtliche Fakten erzählt, ergänzt um den Tonfall des Märchenerzählers. So was nennt man auch Literatur.

Die titelgebende Fahrt ins Blaue etwa, die von der Reise in blickdicht verrammelten Eisenbahn zügen erzählt - ein Ausflugs-Package der ÖBB in der Zwischenkriegszeit, das in der Pointe der Geschichte zur Metapher der Deportationszüge wird. Oder die Geschichte vom Lieblingsonkel Solomon, Bäcker in der Geburtsstadt Sopron, der dem sozialistischen Vater als Umgang für den Sohn nicht recht war, weil er gerne die Wacht am Rhein sang und dem kleinen Richard das Exerzieren beibrachte.

Der einzige jüdische Bäcker in Ödenburg, ein strammer Deutschnationaler: Man braucht kein besonderes Talent, um in so einer Konstellation eine tragfähige, eine gleichzeitig beklemmende und ironische Geschichte zu sehen. Aber einiges Talent braucht man, sie richtig zu erzählen. Und das noch dazu, wie der Sohn es nennt, "in der dritten Sprache" nach dem Ungarischen und dem Deutschen.

Richard Berczeller wuchs auf im finalen Talmiglanz der k. u. k. Garnisonsstadt Ödenburg-Sopron, floh nach dem Krieg vor Horthy ins demokratische Österreich, studierte in Wien Medizin; ein Studium, das er sich als Filmschauspieler unter Regisseur Michael Kertés-Curtiz verdiente. Das Angebot einer Facharztausbildung am AKH schlug er aus und ließ sich als Landarzt in Mattersburg nieder. "Es war", schrieb er, "die Gegend, in der ich aufgewachsen war, und meine Sehnsucht nach der alten Heimat hatte mich in den Jahren in Wien nie ganz losgelassen."

Wahrscheinlich ist das der Schlüsselsatz für den Schreiber Richard Berczeller. Denn wenn ihn schon in Wien die Sehnsucht nach dem Rosaliengebirge nicht losgelassen hat, wie war es dann erst am Hudson River, wohin er sich und die Familie gerade noch retten konnte? Auf welchen Wegen und unter welchen Fährnissen, erzählt er in der Geschichte vom roten Fahrrad. In diesem literarischen Kleinod besingt er - schwankend zwischen Lächeln und Schluchzen - die Ungeheuerlichkeit einer Vaterliebe, hinter der gerade ein unerbittlich mordbrennender Kontinent her ist. Und er tut das nicht, indem er von den großen Angelegenheiten berichtet. Sondern bloß von den einzig wichtigen.

Richard Berczeller, den das 20. Jahrhundert erst aus Ungarn und dann aus Österreich vertrieben hatte, wurde als erfolgreicher Arzt in New York heimisch. Nein, das wurde er nicht. Die Kurzgeschichten für den New Yorker zeigen deutlich, dass ihn die Sehnsucht nach dem Rosliengebirge quer über den Atlantik gefolgt ist.

Sein Sohn sagt das so: "Rückblickend ist jede dieser Geschichten ein letzter verweilender Blick auf eine ,versunkene Welt‘, der zu entkommen uns zwar in letzter Sekunde gelungen ist, die aber nie unserer Erinnerung entkommen ist." In seinen Geschichten hat Richard Berczeller diese versunkene Welt am Leben erhalten. Seiner Erzählkunst ist es zu danken, dass sie dabei nicht wirkt wie ein blutleerer Wiedergänger. (Wolfgang Weisgram, Album, DER STANDARD, 28.4.2012)