Bild nicht mehr verfügbar.

Dmitri Bondarenko (geb. 1963), Menschenrechtler und Mitglied der Bewegung "Europäisches Weißrussland", ist Mitstreiter des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Andrej Sannikow, der im Mai 2011 zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Zusammen mit Sannikow wurde Bondarenko am 15. April freigelassen. Daraufhin kehrten die Botschafter der EU-Staaten, die Ende Februar Weißrussland aus Protest gegen die neue Repressionswelle verlassen hatten, nach Minsk zurück.

Foto: Reuters/Fedosenko

Das diktatorische Regime des weißrussischen Präsidenten Lukaschenko hat in Russland und in der Ukraine Schule gemacht, sagte der jüngst freigelassene Oppositionelle, Dmitri Bondarenko, im Gespräch mit Tatjana Montik in Minsk.

 

STANDARD: Sie haben vor kurzem behauptet, ganz Weißrussland sei bedeckt mit einem Netz von Gefängnissen, Lagern und Strafkolonien. Ist das wirklich so schlimm?

Bondarenko: Die offizielle Information lautet: Auf 100.000 Menschen gibt es in Weißrussland doppelt so viele Gefangene wie in Kasachstan oder in der Ukraine und um das Zehnfache mehr als in den EU-Ländern. Viele sitzen hier noch wegen wirtschaftlicher Delikte, wofür etwa in Russland oder in der Ukraine nur Geldstrafen vorgesehen sind. Wir haben zwei Strafkolonien, dutzende Gefängnisse und sogenannte freie Sträflingssiedlungen. Wenn man sie alle auf die Landkarte zeichnet, bilden sie ein dichtes Netz. Dazu denke man sich zigtausende Menschen, die dieses System bedienen und bewachen. So ergibt sich ein großes Gefangenenlager mitten im geografischen Zentrum Europas.

STANDARD: Warum unterschrieben Sie den Antrag auf Begnadigung?

Bondarenko: Ich gehöre ja zur Mannschaft Sannikows (Ex-Präsidentschaftskandidat, der mit Bondarenko freigelassen wurde, Red.). Wir haben zusammen gekämpft. Ich habe Andrej seinerzeit überredet zu kandidieren, obwohl ich wusste, dass die Risiken groß sein würden. Und ich wusste, welche Schikanen Sannikows Familie während unserer Inhaftierung erlitt. Man wollte ihm seinen kleinen vierjährigen Sohn wegnehmen und ihn ins Kinderheim stecken. Als ich erfuhr, dass Sannikow einen Antrag auf Begnadigung stellte, habe ich mich ihm angeschlossen - aus Solidarität.

STANDARD: Nehmen Sie die Drohung Präsident Lukaschenkos ernst, er würde Sie und Sannikow wieder ins Gefängnis werfen?

Bondarenko: Mehr als ernst. Wir können jederzeit wieder hinter Gittern landen. Es gibt viele Beispiele, dass jene, die begnadigt wurden, bald wieder im Gefängnis landeten. Zudem schließe ich nicht aus, dass ich ‚zufällig‘ an einem Infarkt oder Schlaganfall sterben oder ‚rein zufällig‘ bei einem Autounfall ums Leben kommen könnte. All das ist durchaus möglich in unserem Land. Wir Weißrussen leben leider nicht in der zivilisierten Welt.

STANDARD: Wie charakterisieren Sie das politische System?

Bondarenko: Es ist eine Art lateinamerikanische Diktatur, bei der nur 15 bis 20 Prozent im privaten Eigentum sind und der regierende Clan 80 Prozent des Staatseigentums ausbeutet. Deshalb kämpfe ich auch für ein europäisches Weißrussland. Doch wenn Russland uns Hindernisse in den Weg legt, kann unsere Diktatur noch 100 Jahre lang dauern.

STANDARD: Woraus schöpft Lukaschenkos Regime seine Kraft?

Bondarenko: Es hat Bestand dank seiner Beziehungen zu Russland und zur sogenannten schwarzen Internationalen, also zu Syrien, dem Iran, Nordkorea, Libyen, Venezuela, früher auch Serbien. Und das ist eine riesige Allianz mit großen Ressourcen. Dazu kommt Hilfe aus Russland. Die EU wollte dieses Problem mit dem Rat bewältigen, wir sollten unsere Probleme aus eigener Kraft lösen. Nein, eigene Kräfte sind nicht ausreichend. Denn Weißrussland ist in vielem ein Problem für ganz Europa. Also sollte man es gemeinsam lösen.

STANDARD: Warum ein Problem für ganz Europa?

Bondarenko: Als Boris Jelzin noch russischer Präsident war, warnten wir unsere Freunde in Moskau vor einem Übergreifen der weißrussischen Diktatur auf Russland. Damals lachte man uns aus. Und nun? Was sehen wir? Putin hat vieles bei Lukaschenko entlehnt. Und die Ukraine ist inzwischen politisch ,weißrussifiziert‘ worden. Also haben wir bereits drei diktatorische oder zumindest halbdiktatorische Regime am Stück. (DER STANDARD, 28.4.2012)