Es ist evident: Die von Privathaushalten bei Banken gesparten Geldsummen übersteigen das bei Banken spontan abrufbare Geld. Wird bei Verlust des Glaubens, von der Bank jederzeit gespartes Geld abheben zu können, massenweise Geld abzuheben versucht, werden die Banken zahlungsunfähig. Um dem Glaubensverlust zuvor zu kommen, können Staaten oder auch ein Verbund von Banken oder im Fall der Euroländer die EZB das private Bankguthaben - eventuell bis zu einer bestimmten Summe oder befristet bis zu einer bestimmten Zeit der Einlage - garantieren. Beispielsweise alle Guthaben bis 200.000,-, die vor dem 01. Juni 2012 bei einer Bank hinterlegt wurden.

Dient Leben dem Geld oder Geld dem Leben?

Berichtet wurde - worauf sich auch die IWF-Chefin bezog -, dass sich reiche Griechen steuerlich gegen den Staat vergangen haben. Um dieses Problem zu bearbeiten, wird hier vorgeschlagen, bei jedem Antrag zur Verlängerung des Reisepasses neben den üblichen Unterlagen und Nachweisen auch die Vorlage des Steuerbescheids und der Entrichtung der Steuerschuld zu verlangen. Für die nicht beglichene Steuerschuld werden Zinsen in der Höhe des doppelten Zinssatzes vorgeschrieben, den Griechenland für seine Anleihen zahlen muss.

Da man Geld nicht essen kann und Geld auch sonst kaum Bedürfnisse zu stillen vermag (schon gar nicht die Geldgier), muss jedes gesellschaftspolitische Denken, das erst bei Geld beginnt, erfolglos bleiben. Die klassische rhetorische Frage "Leben wir, um zu arbeiten, oder arbeiten wir, um zu leben?", könnte kritisch hinsichtlich des Gelddenkens abgewandelt werden in "Dient Leben dem Geld oder Geld dem Leben?".

Mit dieser Formulierung soll die Reflexion angeregt werden, inwieweit Geld ein selbstwerter Zweck oder ein funktionales Mittel ist.

Wenn man die Debatten und politischen Entscheidungen zu den verschiedenartigen aktuellen Krisen verfolgt, zeigt sich: Es werden Schulden, finanzielle Rettungsaktionen und zusammenbrechende Finanzinstitute thematisiert, wobei Geld das Zentralthema ist. Damit sieht es so aus, als höre beim Denken an Geld weitergehendes Denken auf.

Bares Geld als Gutschein zum Erhalt von Waren

Erklärbar ist dieses Phänomen damit, dass in einer Gesellschaft Geldverfügbarkeit allererste Voraussetzung ist, wenn fast alle benötigten Güter und Dienste gekauft werden müssen. Diesem schwerwiegenden Umstand kann freilich auf verschiedene Weise begegnet werden: durch Barzahlung, durch Kreditkarten, durch Leihen von Geld, eventuell auch durch Versprechen und Gutscheine. Mit der Überlegung, wer bei diesem Geldumgang jeweils Gläubiger oder Schuldner ist, beginnt das Denken in Zusammenhängen. Dieses "Kontextdenken" führt zu einem scheinbaren Paradox. Bares Geld ist real ein Gutschein zum Erhalt von Waren. Bargeldbesitzer sind folglich Gläubiger, die einen Anspruch auf Leistung haben. Wenn Kreditkarten durch Bankguthaben gedeckt sind, gilt dasselbe; sind sie nicht gedeckt, ist der Käufer, der mit der Karte zahlt, Schuldner. Schuldner sind auch die, die Geld leihen, Zahlungen versprechen oder Gutscheine in Form von Geldnoten ausgeben.

EU und Geldpolitik

Diese Zusammenhänge gelten nicht nur für Privatpersonen und Betriebe, sondern auch für Staaten oder die EZB. Durch den Zusammenschluss der Länder mit gemeinsamer Währung hat sich die Möglichkeit, die Staaten zuvor im Gegensatz zur Privatwirtschaft hatten - nämlich durch die nationalen Zentralbanken Geldpolitik zu betreiben - verändert. Mit Geldpolitik kann beispielsweise gesellschaftlich erforderliche Arbeit organisiert werden: Der Bedarf an Gütern und Diensten kann in dem Maße gestillt werden, in dem vorhandenes Arbeits- und Produktionsvermögen durch Geld aktiviert wird. Dadurch entstehen Waren, die dem eingesetzten Geld seinen wahren Wert geben. Geld in diesem Zusammenhang zu bedenken, bedeutet vor allem anderen, es als Mittel zu begreifen, mit dessen Einsatz der Prozess von Produktion, Distribution und Konsumtion am Laufen gehalten wird.

Interessenkonflikte

Die derzeitigen Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft verschiedener Länder haben viele Ursachen. Ihre Wirkungen betreffen das Leben von Millionen Menschen, die in einer Geldgesellschaft wegen ihrer Erwerbslosigkeit verarmen. Doch die Mehrheit von ihnen hat Arbeits- und die unterausgelasteten Betriebe haben Produktionsvermögen. Um diese Vermögen zur Armutsbekämpfung nutzen zu können, ist Geld das Mittel.

Da die von den verschuldeten Staaten in Euro aufgenommenen Kredite nahezu ausschließlich für den Schuldendienst verwendet werden, also nicht der realen Wirtschaft dienen, wird nach drei Jahren Krisen immerhin öffentlich auch Wirtschaftswachstum gefordert. Doch die Interessen der Finanziers, die ihr verliehenes Geld sichern wollen, und jener Politik, die die Verarmung mildern will, stoßen aufeinander. Dabei sollte grundsätzlich klar sein, dass kein Staat Schulden zurückzahlen kann, wenn keine Güter und Dienste als Waren verkauft und damit Steuern eingenommen werden können.

Eurowährung und Regionalwährung

Um ein Stück weiter zu kommen, wird hier etwas vorgeschlagen, was an die Zerschlagung des Gordischen Knoten durch Alexander denken lässt: Zusätzlich zur weiter bestehenden Eurowährung wird eine Regionalwährung eingeführt, um das vorhandene regionale Leistungsvermögen zu mobilisieren. Damit diese Zweitwährung in den Geldumlauf kommt, muss diese Währung verplichtend zur Zahlung einerseits zur Zahlung von Steuern, andererseits zur Zahlung aller staatlichen Leistungen wie Gehälter, öffentliche Aufträge, Transferzahlungen genutzt werden.

Auf diese Weise entwickelten sich nicht nur neue Arbeitsverhältnisse und dadurch auch Wirtschaftswachstum, sondern ebenso ein Wechselverhältnis von primärer zu sekundärer Währung. Hat sich das Wirtschaftsleben stabilisiert, kann die regionale Währung wieder eingezogen werden.

Den in Gelddenken verfangenen Skeptikern sei gesagt: Nur das Entstehen von Waren gibt Geld seinen Wert. Wenn nichts zu kaufen ist, ist Geld nichts wert. (Paul Kellermann, derStandard.at, 6.6.2012)