Kiew - Was den Deutschen das "Wunder von Bern", der WM-Titel 1954, ist den Ukrainern die "Todeself" von 1942. Die gerade dieser Tage immer und immer wieder erzählte Geschichte begann im September 1941 mit der Besetzung Kiews durch die deutsche Wehrmacht. Im folgenden Sommer verordneten die Besatzer die Gründung einer Fußballliga, um den Anschein von Normalität zu erwecken. Neben vier Soldatenteams gehörten ihr die von kollaborierenden ukrainischen Nationalisten gestellte Auswahl Rukh und eine Mannschaft aus zwangsverpflichteten Arbeitern an, die sich FC Start nannte.

Was die Deutschen nicht wissen: Der FC Start rekrutiert sich aus Spielern von Dynamo und Lokomotive Kiew. Diese Mannschaft fegt alle Gegner vom Platz. Nach einem 5:1 gegen die "Flakelf", eine Auswahl der Luftwaffe, fordern die Deutschen Revanche und den FC Start unter Drohung zum Verlieren auf. Der FC Start siegt am 9. August 1942 in roten Dressen dennoch 5:3. Vor Anpfiff verweigern die Spieler den Hitler-Gruß, rufen stattdessen "Fizkult hurra!" ("Es lebe der Sport!"). Und die Zuschauer toben. Überliefert wird, dass sämtliche Spieler des FC Start sehr bald nach Abpfiff hingerichtet wurden.

Tatsächlich überlebte wohl keiner den Krieg. Einige aus dem Polizeiklub Dynamo wurden wegen ihrer Zugehörigkeit zur sowjetischen Geheimpolizei NKWD im Kiewer Gestapo-Hauptquartier hingerichtet, andere im KZ Siretz ermordet. "Die rote Mannschaft stirbt nie", soll Torhüter Nikolai Trusewitsch vor seiner Hinrichtung gerufen haben.

In der Ukraine kennt heute jedes Kind die Geschichte von der "Todeself". 1959 erschien der erste Roman, er wurde mehrmals verfilmt, 1981 etwa durch John Huston unter dem Titel Escape to Victory. Hollywood verlegte die Handlung jedoch nach Frankreich, die Helden sind Soldaten der westlichen Alliierten, es spielen Pele, Bobby Moore und Osvaldo Ardiles, aber auch Sylvester Stallone und Michael Caine, die so spielen, als ob sie spielen.

Erst eine ARD-Dokumentation und das Buch Defending the Honour of Kiev trennten 2002 Legenden von der Realität. Der pünktlich zur EM um zehn Millionen Euro in Russland abgedrehte Kinofilm bedient eher Erstere. Er sorgte in der Ukraine für Kontroversen. Auch aus Furcht vor antideutscher Stimmung wurde der Kinostart zunächst verschoben, ehe Match doch noch ab 18 freigegeben wurde. (sid, lü, DER STANDARD, Sa./So.,9./10. Juni 2012)