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Unermüdlich darum bemüht, über Intoleranz und Rassenwahn aufzuklären: Alfredo Bauer.

Foto: APA/HERBERT NEUBAUER

Selten ist die Vorgeschichte eines Buches in solchem Ausmaß vom "Zufall" bestimmt wie die des fünfbändigen Romanzyklus über das Leben der Vorgänger von Alfredo Bauer. Der Sohn einer Wiener jüdischen Familie konnte im Februar 1939 mit seinen Eltern nach Argentinien flüchten, weil sich dort einige Jahre zuvor eine Tante niedergelassen und ihnen die begehrten Einreisepapiere beschafft hatte.

Eine andere Tante, Anna Sommer, hatte die Herrschaft des Nazi-Regimes im KZ Theresienstadt verbracht - und überlebt. Vor ihrer Deportation hatte sie die autobiografischen Aufzeichnungen ihres Großvaters Adolf Baiersdorf vom Revolutionsjahr 1848 in einem Versteck verwahrt und nach Kriegsende tatsächlich wieder vorgefunden. 1952 besuchte Anna Sommer ihre zahlreiche Familie in Argentinien - und brachte dem damals 27-jährigen Alfredo das Tagebuch seines Urgroßvaters mit. Das kleine Paket enthielt auch einen Teil der Korrespondenz der Mutter von Adolf Baiersdorf mit ihren Kindern, noch im jüdisch-deutschen Jargon verfasst.

Anna Sommer hatte offenbar einen guten Spürsinn. Alfredo Bauer später: " Ich begriff sogleich, dass mir der Besitz dieser Blätter eine hohe Verantwortung aufbürdete, da das darin Dargelegte keinesfalls in Vergessenheit geraten durfte. Ich schrieb auf Grund dessen, was ich da erfuhr, meinen ersten Roman, wobei ich freilich vieles auch aus anderen Quellen schöpfte."

Später folgten vier weitere Bände, teils auf Spanisch geschrieben und in Argentinien verlegt, teils auf Deutsch in der DDR erschienen. Die Theodor-Kramer-Gesellschaft in Wien hat diese fünf Bücher nun in einem einzigen Band herausgegeben. Für den Autor selbst ist es sein wichtigstes Buch, sein Lebenswerk.

In Argentinien studierte Alfredo Medizin und spezialisierte sich auf Gynäkologie und Geburtshilfe. "Ich konnte 6000 Kinder in die Welt befördern und ebenso vielen Frauen in ihren - nicht nur körperlichen - Nöten helfen", freut er sich heute noch über seine Berufswahl. Arzt sein bedeutete für ihn immer auch Dienst an der Menschheit. Und diese Weltsicht von einem Leben im Dienst der Allgemeinheit ist so etwas wie ein existenzielles Credo für den argentinischen Österreicher.

Die Vorgänger ist wohl eines der Hauptwerke der österreichischen Exilliteratur. Es ist eine weit ausholende Darstellung der Geschichte von 1848 bis zum Beginn des Nazi-Terrors in Österreich und der Flucht in die "Neue Welt". Eine Geschichte über die Siege und Niederlagen im Kampf um jüdische Emanzipation, über das Erstarken der Sozialdemokratie und ihre verhängnisvollen Fehler im Vorfeld des Ersten Weltkrieges, immer näher "dem Abgrund zu", so der Titel des dritten Bandes.

Dieser Abgrund wird 1914 mit dem Ausbruch des Krieges erreicht, den Bauer als apokalyptisches Inferno darstellt. Trotz aller Gräuel, die seine Vorgänger und teilweise er selbst in dieser Epoche der Weltkriege erlebt haben, bewahrt sich der Autor seinen Glauben an die souveräne Vernunft. Ein Glauben, den er seiner Meinung nach von seinen Vorfahren geerbt hat. "Hartnäckig glaubten sie daran, dass auf die Dauer die Vernunft sich durchsetzen müsse. Dass am Ende dieses verdammte, seit undenklichen Zeiten getriebene Spiel, den Menschen zu gebrauchen, um seinesgleichen zu schlagen und zu schinden, nicht mehr zu machen sein würde", schreibt Bauer in der Einleitung zu seinem Romanzyklus.

Sein Verständnis vom Dienst an der Menschheit erschöpft sich für den jungen Frauenarzt nicht nur in der Ausübung seines Berufes. Es drängt ihn auch zum politischen Handeln. Schon als junger Emigrant arbeitet er in der Exilorganisation "Freies Österreich" mit und engagiert sich später in der sozialistischen Bewegung "Vorwärts".

Dieser Verein war 1882 in Argentinien von deutschen Arbeitern gegründet worden, die vor Bismarcks "Sozialistengesetz" geflüchtet waren. 1960 wurde "Vorwärts" in einer Phase des Ausnahmezustandes unter Präsident Frondizi de facto geschlossen - "wegen kommunistischer Umtriebe und mit mindestens wohlwollender Billigung der bundesdeutschen Botschaft", wie Bauer sagt. Nach dem Ende der Militärdiktatur wird der Verein mit dem alten Namen und den alten Statuten neu gegründet, und der österreichische Sozialist bekleidet für längere Zeit eine Funktion im Vorstand.

Ein weiteres Element des erfüllten Lebens von Alfredo Bauer ist schließlich das Schreiben. "Mir ist selbst nicht ganz klar, wie ich neben meinem Arztberuf zum Schriftsteller wurde", fragt er sich heute. " Aber natürlich wollte ich dadurch zur Befreiung des Menschen beitragen, zu seiner sozialen Erneuerung." Und er schreibt und schreibt: politische Essays, Zeitungskommentare, Gedichte und Prosatexte, medizinische Sachbücher, eine mehrbändige Kritische Geschichte des Judentums, Biografien über Stefan Zweig, Marie Louise, die österreichische Frau Napoleons, Mussolini, Erzählungen, Romane ...

Zur Präsentation seines Lebenswerkes besuchte der bald 88-Jährige im vergangenen April mehrere österreichische Städte. Schon seit einiger Zeit wurde Alfredo Bauer zu Lesungen und als Zeitzeuge nach Österreich eingeladen. Bei seinen öffentlichen Auftritten kämpft der lebenslange Antifaschist und Sozialist immer mit Vehemenz gegen die Pauschalverurteilung von Deutschland und Österreich wegen des Holocausts. "Diejenigen, die jene Untaten begangen, waren ja zunächst Feinde ihres eigenen Volkes und eben dadurch auch unsere Feinde", sagt der "altmodische Humanist", wie ihn der Schriftstellerfreund Erich Hackl einmal nannte. Altmodisch und unermüdlich ist er heute noch darum bemüht, die junge Generation über die Folgen von Intoleranz, Rassenwahn und Hass aufzuklären.   (Werner Hörtner, Album, DER STANDARD, 9./10.6.2012)