Inmitten einer Wirtschaftskrise mit fast zwölf Prozent Arbeitslosigkeit, einer wackeligen Währung und noch immer auf einen 15-Milliarden-Euro-Kredit des Internationalen Währungsfonds hoffend, diskutiert die politische Öffentlichkeit in Ungarn über die Folgen eines neuen Horthy-Kultes. Wer erinnert sich noch an den Regenten in einem Königreich ohne König, einen Admiral ohne Flotte in einem Land ohne Küste, der als "Reichsverweser" 24 Jahre lang an der Spitze Ungarns stand?

In seiner ausgezeichneten Biografie "Miklós Horthy" (Edition Steinbauer, 2006) stellte der amerikanische Historiker Thomas Sakmyster treffend fest: Horthy (1868-1957) galt als "Inbegriff des Antikommunismus, des Antisemitismus und des extremen Nationalismus". Durch das Bündnis mit Hitler-Deutschland war Horthy mitverantwortlich für die Ermordung von 560.000 Juden und für den Tod von fast 400.000 ungarischen Soldaten und Zivilisten, für den Verlust von 40 Prozent des Nationalvermögens. Für die Nationalisten gilt er aber bis heute als der Mann, der durch die Hilfe der Achsenmächte einen Großteil der durch das Diktat von Trianon (1920) verlorenen Gebiete von den Nachfolgestaaten Rumänien, Jugoslawien und der Tschechoslowakei bis zum Ende des Krieges zurückgewinnen konnte.

Der zu Recht in den Nachbarländern als Symbol des Revisionismus umstrittene Horthy gelangt in Viktor Orbáns Ungarn zu neuen Ehren: Denkmäler werden errichtet und geplant, Plätze und Straßen umbenannt und Gedenktafeln enthüllt. Die wirkliche Gefahr ist aber die zum Teil schleichende, zum Teil offensichtliche Rehabilitation der Gesinnung der Horthy-Ära. Die operettenhaften Umstände der geplanten Beisetzung der Gebeine eines faschistischen und mit dem Pfeilkreuzlerführer Szalasi nach dem Westen geflüchteten Schriftstellers in seinem Heimatort in Rumänien ebenso wie die Verordnung, die Werke von drei antisemitischen, nationalistischen und zweitrangigen Schriftstellern als Pflichtlektüre für die Schulen vorzuschreiben, sind symbolträchtige Schritte.

Wunden brauchen Zeit und heilen nicht dadurch, dass man Fahnen in sie hineinpflanzt", so warnte nach dem Ersten Weltkrieg der große Dichter Rainer Maria Rilke. Die direkte Einmischung von Fidesz-Politikern (zuletzt durch Parlamentspräsident László Kövér, der die rumänische Führung wegen der gescheiterten Umbettung des erwähnten faschistischen Schriftstellers als Barbaren rügte) in die Wahlkampagnen in den Nachbarländern führt freilich nicht nur zur Spaltung und Schwächung der politischen Vertretungen der ungarischen Minderheiten, sondern auch zu gefährlichen Spannungen mit den von den eigenen Nationalisten bedrängten Regierungen. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 12.6.2012)