Erziehungswissenschaftler Alfred Schirlbauer schrieb am 2. Juni im STANDARD eine Generalabrechnung mit dem Bildungswesen in Österreich.

Alles nur Satire?

Von der Bildungspolitik über die Schulstruktur, die empirische Bildungsforschung bis zur Lehrerschaft, die als "das Lehr" definiert wurde, bekamen alle ihr Fett. Da ich selbst noch relativ frisch in Österreich bin, mag es sein, dass ich noch nicht einschätzen kann, ob es sich hier um die Art des berühmten österreichischen Schmähs handelt, der alle zum Schmunzeln bringt und den niemand wirklich ernst nimmt und Alfred Schirlbauer sich somit als der Thomas Bernhard der österreichischen Pädagogik betätigt.

Korrektur der Fakten

Dennoch ist mit der Möglichkeit zu rechnen, dass sich Kolleginnen und Kollegen, die sich Tag für Tag in der Schule um die Bildung und Ausbildung unserer Kinder bemühen, angegriffen fühlen. Selbst in einer Satire sollten zentrale Fakten stimmen. PISA für eine frühe Auslese im zehnten Lebensjahr heranzuziehen ist schlicht falsch, weil PISA eben nicht feststellen kann, "ob die Zehnjährigen des Lesens und Problemlösens fähig sind", sondern PISA die Fähigkeiten von Jugendlichen am Ende der Pflichtschulzeit erhebt und somit 15-Jährige testet.

Das mögen Detailprobleme sein. Bedeutsamer ist, dass diese Form der Generalkritik niemanden verschont mit Ausnahme des Kritikers selbst. Dabei ist auf einen bemerkenswerten Zusammenhang aufmerksam zu machen. Nehmen wir für einen Moment an, es stimme und "das Lehr" zeichne sich vor allem aus durch "eine besondere Art der Devotheit" als "in sich gekrümmtes Wesen", dann wird eine Ursache dieser Missbildung sicher auch in der Ausbildung der Lehrkräfte zu suchen sein.

Lösungen zu Verbesserungen suchen

Nun wurde der Autor vorgestellt als Hochschullehrer für Erziehungswissenschaften an der Universität Wien, der anerkanntermaßen größten Lehrerbildungsinstitution des Landes. Insofern ist der Artikel mindestens auch das Eingeständnis eines Scheiterns. Denn in der Logik der Argumentation ist es auch dem Autor nämlich nicht gelungen, am Ende eines Berufslebens dem betreffenden Berufsstand auch nur die Grundbegriffe von Bildung und Erziehung beizubringen. Als Hochschullehrer müssen wir uns deshalb fragen, was haben wir falsch gemacht und wie können wir es besser machen?

Gerade die angesprochene PISA-Untersuchung macht dazu einige bislang wenig beachtete Zusammenhänge sichtbar. So zeigte PISA 2009 bekanntlich, dass die Lesekompetenz der getesteten österreichischen Jugendlichen weit unterhalb des OECD-Durchschnitts liegt.

Beispiel Lesefähigkeit

Während andere Länder sich in Bezug auf die Lesekompetenz in den Jahren zwischen 2000 und 2009 deutlich verbessert haben, haben die österreichischen Jugendlichen schlechtere Lesefähigkeiten gezeigt als noch im Jahr 2000, und zwar nicht nur im Ländervergleich, sondern auch auf das Erreichen der Punktwerte bezogen. Wenn man nun die Schülerinnen und Schüler befragt, wie denn die Fähigkeit, Texte zu verstehen, sie anzuwenden und zu reflektieren, in ihrem Deutschunterricht gefördert wurde, dann zeigt sich hier Erstaunliches. Vor allem jene Maßnahmen kommen im österreichischen Deutschunterricht selten vor, die reflexive Leseprozesse anregen. Nur 39 Prozent der Schülerinnen und Schüler geben an, dass sie im Unterricht die Bedeutung eines Textes erklären sollen.

Im OECD-Durchschnitt sind es 52 Prozent und in Dänemark 76 Prozent. Die Frage, ob die Lehrerin hilft, die Geschichten, die sie lesen, zu ihrem Leben in Bezug zu setzen, bejahen gerade einmal 26 Prozent der österreichischen Schüler. In Ungarn sind es 45 Prozent und im OECD-Durchschnitt 33. Anspruchsvolle Fragen, damit sie den Text besser verstehen, erleben 39 Prozent der befragten österreichischen Schüler und Schülerinnen, aber 76 Prozent der dänischen, und im OECD-Durchschnitt sind es immerhin 52 Prozent.

Unterrichtsform in Frage stellen

Es gibt also durchaus Indizien, die darauf hinweisen, dass die Form unseres Unterrichts mit den Ergebnissen der PISA-Studie zusammenhängt. Als Lehrerbildungsinstitution müssen wir uns deshalb fragen, bilden wir die Lehrerinnen und Lehrer so aus, dass sie genau diese anregenden Prozesse im Unterricht initiieren und begleiten?

Wie gut werden die Studierenden gefördert?

Schirlbauer hat recht, dazu müssen sie die Sache, die sie bearbeiten, beherrschen, aber sie müssen auch das pädagogische Ethos leben, eigenes Durchdenken und Verstehen anzuregen und zu begleiten.

Dazu gehört die Frage, erleben die Studierenden an unserer Universität das, was wir nachher von ihnen als Lehrerinnen und Lehrer erwarten? Werden sie zum selbstständigen Denken, Begründen und Kritisieren angeregt, oder führt unsere selbst verschuldete strukturelle und inhaltliche Einengung des Studiums nicht zu der Unmündigkeit, deren Effekte wir in den PISA-Ergebnissen beklagen?

Das sind die Fragen, denen wir uns als Hochschullehrer selbstkritisch stellen müssen. Generalkritiken an allem und jedem tragen dazu, nach meiner Überzeugung, wenig bei. (Henning Schluß, derStandard.at, 13.6.2012)