Innsbruck/ Bregenz - Über 30 Jahre lang konnte die Innsbrucker Psychiaterin Maria Nowak-Vogl Kinder und Jugendliche ungestört mit fragwürdigen Methoden behandeln. Zeit lassen sich die Tiroler Behörden nun auch mit der Entschädigung der Opfer. Denn die Frage der Verantwortung ist zwischen Land und Bund ungeklärt.

Nowak-Vogls "Kinderbeobachtungsstation", wo vor allem Mädchen und Buben aus Erziehungsheimen der Länder Tirol, Vorarlberg und Südtirol behandelt wurden, war lange Zeit Teil des Tiroler Gesundheitswesens, später wurde die Station in die Universitätsklinik - Zuständigkeit Bund - eingegliedert. Nun soll eine Kommission klären, wer für welche Zeitabschnitte zuständig ist.

Anzeigen blieben aus

67 ehemalige Patientinnen und Patienten haben sich bei der im Februar an der Psychiatrischen Klinik eingerichteten Hotline gemeldet. Sie bestätigen Recherchen des Innsbrucker Historikers Horst Schreibe über demütigende Behandlungsmethoden, Gewalt und medizinische Experimente. Zu Nowak-Vogls Methoden gehörte beispielsweise die Behandlung "triebhafter" Mädchen mit dem selbst in der Tiermedizin umstrittenen Hormonpräparat Epiphysan. Die Ärztin hatte darüber selbst Anfang der 1980er-Jahre in einem ORF-Interview gesprochen. Anzeigen und Ermittlungen gegen sie blieben jedoch aus.

In der Mai-Ausgabe des Tiroler Magazins Echo sprechen frühere Heimkinder von einem Klima der Angst auf der psychiatrischen Station, von sexueller Gewalt, drakonischen Strafen für Bettnässer, die im kalten Wasser waten mussten, bis die Beine blau waren, von Essenszwang und permanenter Überwachung.

Betroffene brauchen Geduld

Michael Rauch, Vorarlberger Kinder- und Jugendanwalt, wurde mit Beschwerden von Nowak-Vogl-Opfern konfrontiert, die sich bei der Innsbrucker Hotline gemeldet hatten. Rauch: "Sie klagen, dass es sehr lange dauere, bis sie Akteneinsicht bekommen. Manchen wurden beschieden, es seien keine Akten vorhanden." Ob die Beschwerden gerechtfertigt sind, könne er nicht beurteilen, sagt Rauch. Der Sprecher der Vorarlberger Opferschutzkommission spart jedoch nicht mit Kritik am Bund. Am Fall der Kinderpsychiatrie zeige sich einmal mehr, dass der Bund im Gegensatz zu Ländern oder Kirche keine Verantwortung für seine Einrichtungen übernehme.

Erhellendes zu Zuständigkeiten und Zuständen wird von Erziehungswissenschafterin Michaela Ralser erwartet. Sie arbeitet im Auftrag der Länder Tirol und Vorarlberg an einer Vorstudie zur Geschichte der Erziehungseinrichtungen der Länder. Ein erster Bericht soll Ende Juni vorliegen.

Akteneinsicht beim Vorstand

Wenigstens bei der Akteneinsicht können Opfer nun mit schnellerer Erledigung rechnen, verspricht zumindest Tilak-Direktor Stefan Deflorian. Die Psychiatrieakten, zuvor in Verwahrung des Landesarchivs, sind nämlich seit zehn Tagen Verwaltungs-Chefsache. Alle, die sich bei der Hotline gemeldet haben, können ihre Krankengeschichte nun in der Vorstandsetage der Krankenanstalten GmbH abholen oder einsehen. In sieben der von der Hotline erfassten Fälle seien jedoch laut Deflorian keine Krankengeschichten vorhanden. Auf Wunsch wird bei der Akteneinsicht der Haller Psychiatrieprimar Josef Marksteiner als ärztlicher Beistand anwesend sein.

Alle Hotline-Anrufer werden gefragt, "ob Entschädigung gewünscht wird", sagt Deflorian. Ist das der Fall, übergebe man den Fall der Opferschutzkommission des Landes. Und die prüft dann die Zuständigkeit. " Wenn der Bund zuständig ist, wird man mit dem Bund reden müssen, wie er das machen will", lässt Manfred Jenewein, Sprecher von Soziallandesrat Gerhard Reheis (SP) erahnen, dass manche Opfer noch lange warten müssen. (Jutta Berger, DER STANDARD, 13.6.2012)