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Seit Wochen spaltet Island der Streit um ein neues Gesetzesvorhaben der Regierung.

Foto: REUTERS/Ingolfur Juliusson

Der Protest der Fischer ist schon aus der Ferne zu hören. Noch bevor die 70 Boote im Hafen von Reykjavík anlegen, dröhnen ihre Nebelhörner und Sirenen durch den Pier. Die Bürger, aber vor allem die Abgeordneten im isländischen Parlament Althing, sollen wissen, dass es die Fischer ernst meinen. Sie streiken.

Nachdem die Bootsmänner die Leinen festgemacht haben, marschieren sie zum Abgeordnetenhaus. Dort wartet schon eine Gruppe von Gegendemonstranten auf sie. Der Protest artet in Schreiduelle zwischen den Lagern aus. "Der Fisch gehört der ganzen Nation", skandieren die einen. "Ihr zerstört unsere Betriebe", schallt es zurück. Seit Wochen spaltet Island der Streit um ein neues Gesetzesvorhaben der Regierung.

Es ist der bedeutendste Konflikt im Land seit Ausbruch der Wirtschaftskrise. Ein Verteilungskampf, der über den künftigen Kurs des Landes entscheidet. Island war 2008 der erste Staat Europas, der wegen der Fehlspekulationen seiner Banken bankrottzugehen drohte. Seitdem hat die Inselrepublik eine Kehrtwende vollzogen, seine Banken und sein Geldsystem vom Ausland abgeschottet. Island hat dem liberalen Kurs der vergangenen 20 Jahre den Rücken gekehrt. Der eigenwillige Weg ist ein großes Experiment. Nun will der Staat den letzten Schritt gehen und die Fischereiindustrie regulieren.

Bürgermeister

Auf ihrem Weg zum Althing ziehen die Fischer am Fenster von Jón Gnarr vorbei. Der Komiker wurde in Island mit seiner Serie Nieturvaktin, zu Deutsch "Nachtschicht", berühmt. In dieser spielte er einen neurotischen Marxisten, der eine Tankstelle betreibt. Gnarr gründete 2009 eine Partei, zu deren Hauptforderungen es zählte, im Zoo von Reykjavík einen Eisbären anzuschaffen.

Im Mai 2010 wurde er zum Bürgermeister Reykjavíks gewählt. In seinem hellen Büro im Rathaus hängt ein Gemälde, auf dem ein vermummter Mann zu sehen ist, der einen Blumenstrauß wirft. Dar über steht "Flower-Terrorist". Gnarr ist bekennender Anarchist. Er repräsentiert wie kein Zweiter den Umbruch seit der Krise: Das alte politische Partei-Establishment wird abgelehnt. Wohin die Reise künftig führen soll, steht aber noch nicht fest. "Der Konflikt um die Fische hat viel Staub aufgewirbelt, weil die Isländer nach der Krise auf Fragen der Verteilungsgerechtigkeit viel sensibler reagieren", sagt Gnarr. Island habe in der Finanzkrise eine "Nahtoderfahrung" gemacht. Die Menschen wollen das nicht noch einmal erleben. "Darum konzentrieren wir uns auf unsere eigenen Belange. Das Experiment mit der weiten Welt ist ja irgendwie gescheitert."

Am Beginn dieses Experimentes standen die Fische. Wer das Konfliktpotenzial rund um Kabeljau und Makrelen verstehen will, muss Gisli Palsson treffen. Der schlaksige Anthropologe empfängt Besucher in seinem Büro in der Universität Reykjavík. Die Innenstadt, der Inlandsflughafen - alles ist von seinem Fenster aus in Blickweite. Die Hauptstadt des 320.000 Einwohner zählenden Landes ähnelt noch heute mehr einem Dorf denn einer Weltmetropole. Palsson forscht seit 30 Jahren über Fische. "Sie waren der Ausgangspunkt jener Entwicklung, die Island von einem verschlafenen Nest zu einem globalen Finanzplatz gemacht hat", beginnt er seine Erzählung.

Die Fischereiindustrie ist seit Jahrhunderten das Standbein der isländischen Wirtschaft. Mitte der 1980er-Jahre schlitterte die Branche in die Krise. Überfischung hat te den Bestand an Kabeljau, dem wichtigsten Exportprodukt, gefährlich dezimiert. Die Regierung versuchte gegenzusteuern, begrenzte die Zahl der Tage, an denen gefischt werden durfte, und die Zahl der Boote. Doch die Regeln waren schwer zu kontrollieren und die Fischer unzufrieden.

Modell

1983 wurde ein neues Modell entwickelt: Island führte eine absolute Fangquote für Kabeljau ein. Jedem Boot wurde ein Anteil an dieser Quote zugewiesen. Das maritime Institut legt seitdem jedes Jahr fest, wie viele Tonnen Fisch aus dem Meer gezogen werden dürfen. Jeder Fischer darf so viel Kabeljau aus dem Wasser ziehen, wie ihm durch seine Quote an der Gesamtmenge zusteht. Einen Haken hatte das Modell: Schiffe können sinken oder ihre Eigentümer krank werden. Da die Fangquoten den Booten zugewiesen wurden, verfielen sie, sobald ein Schiff nicht auslief.

Also wurde 1991 ein entscheidendes Detail geändert: Die Fischer sollten mit ihren Fangrechten handeln, sie verkaufen und vermieten können. "Das Freihandelsmodell veränderte das Land", sagt der Anthropologe Palsson.

Bis in die 1990er-Jahre war Island abgeschottet. Der Staat do minierte alle Wirtschaftssektoren. Das neue Fangsystem, das bald auf alle Fischarten ausgedehnt wurde, war eine Revolution. Mehr als ein Fünftel der isländischen Wirtschaftsleistung wird im Fischfang erzielt. Plötzlich waren die Anteile an dieser Industrie zu handelbaren Wertpa pieren geworden. Mit dem System konsolidierte sich die Branche: Die Zahl der Boote sank, die Industrie wurde profitabel. Mit dem erfolgreichen Modell und dem frei gewordenen Kapital war der Grundstein für den Privatisierungsprozess gelegt. Als Erstes wurde die staatliche Fischereibank Útvegsbanki mit drei kleinen Instituten zur ersten isländischen Großbank Íslandsbanki verschmolzen. Es folgte die Privatisierung der späteren Pleitebanken Landsbanki und Kaupthing. Von Anfang an waren Kreditinstitute und Fischerei verzahnt: Ein großer Fischproduzent, Samherji, war Großinvestor bei Landsbanki und Kaupthing. Burdaras Investment Group, Miteigentümer der Landsbanki, ge hörten zahlreiche Zulieferbetriebe. Das erste große Geld machten Banken mit Krediten an Fischer.

Bescheidene Banker

Die Zentrale der Landsbanki in Reykjavík ist kaum größer als ein Postamt. Im Foyer des dreistöckigen Gebäudes hängen riesige Ölgemälde, die Bauern bei der Feldarbeit zeigen. Alles wirkt klein und überschaubar. Kaum vorstellbar, dass hier der Finanzkollaps des Landes seinen Ursprung nahm. Der Chef der Landsbanki, Steinthor Palsson, ist ein unprätentiöser Banker. Der blonde Riese wurde 2010 eingesetzt, um im Kriseninstitut aufzuräumen. "Die Krise hat uns gelehrt, dass unsere Möglichkeiten begrenzt sind. Eine isländische Bank kann nicht am Weltmarkt konkurrieren", sagt er.

Das war nicht immer die Leitlinie seiner Bank: Nachdem der Inlandsmarkt abgesteckt war, folgte in den 90ern die internationale Expansion der Banken. Ab jetzt war die Finanzbranche der Wachstumsmotor des Landes und nicht mehr die Fischerei. Der Schwanz wedelte mit dem Hund. Der Boom machte manche reich. Islands Pro-Kopf-Einkommen verdoppelte sich in der Expansionszeit.

Als 2008 die Banken kollabierten, hatten sie Schulden in Höhe des Zehnfachen der Wirtschaftsleistung angehäuft. Der Staat verweigerte - im Gegensatz zu Irland und Spanien heute - die Rückzahlung dieser Gelder und ließ Gläubiger seiner Kreditinstitute Verluste erleiden. Das war der Beginn des eigenwilligen, ja im Vergleich zu Europa radikalen Weges. In einer Volksabstimmung sprachen sich die Menschen dagegen aus, niederländische und britische Sparer, die von den hohen Zinsen angelockt wurden, für ihre Verluste zu entschädigen. Diese Entscheidung hat London und Amsterdam verärgert und Island vielleicht den Weg in die EU versperrt. Doch den Isländern war das egal. Sie sprachen sich bei einer zweiten Abstimmung erneut gegen die Beitrittsperspektive aus.

Doch es gab noch ein Problem: Die isländischen Banken hatten so erfolgreich ausländische Investoren angelockt, dass der Abzug ihres Vermögens die Landeswährung Krone zum Kollabieren gebracht hätte. Also führte Island - mit Billigung des Internationalen Währungsfonds - ein in Zeiten des globalisierten Geldverkehrs vergessenes Instrument ein: Kapitalverkehrskontrollen.

Geld bleibt da

Seitdem ist es Isländern verboten, Kronen ins Ausland zu schaffen und Fremdwährungen zu importieren. Sie dürfen keine Investitionen im Ausland tätigen und keine ausländischen Aktien erwerben. Island hat sich ab geschottet. Sollte Griechenland aus dem Euro austreten, werden auch dort Kapitalkontrollen unvermeidlich. Doch während sich ein EU-Land kaum abkapseln kann, löste Island sein Geldsystem vom Rest der Welt ab.

Bis 2015 soll diese Abkapselung andauern. Die Maßnahme stößt nicht nur auf Zustimmung. Prominente Ökonomen wie Ragnar Arnason bezeichnen das System als "Schnapsidee". Sie beklagen die bürokratischen Hürden: Wer ausländische Arbeiter anstellen oder Autos importieren will, muss sich auf einen bürokratischen Kleinkrieg einlassen, um die Genehmigungen zu erhalten. Doch Island hat die Maßnahme Stabilität gebracht. Die Wirtschaft wächst wieder, im Februar hat die Ratingagentur Fitch das Land heraufgestuft. "Wir wollen mit diesem System nicht ewig leben. Im Moment funktioniert es", sagt Jan Karlsson, ein Mitarbeiter in der Notenbank.

Nachdem die gröbsten Aufräumarbeiten im Finanzsektor abgeschlossen sind, wendet sich die Regierung den Fischen zu. Sie sind neben der Aluminiumindustrie und dem Tourismus der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes. 40 Prozent der Exporte sind Makrelen, Kabeljau und andere Meerestiere. "Ein Fischbestand ist für ein Land so viel wert wie eine Ölquelle", sagt der Ökonom Arnason. "Der Unterschied ist: Wenn der Bestand gut verwaltet wird, versiegt die Quelle nie."

Und der Bestand wurde gut verwaltet: Er hat sich seit der Einführung des Quotensystems erholt. Doch unter den Fischern brodelt es. "Das System hat zu einer Verteilungskrise geführt", sagt Jóhann Guðmundsson aus dem Fischereiministerium. Der Freihandel mit den Quoten hat zu einer Marktkonzentration geführt. Die fünf größten Betriebe halten mehr als ein Drittel der Fangquote. Weil manche Bootsbesitzer ihre Rechte verkauften, verfügen viele Gemeinden über keine Fangrechte mehr. Orte an den Westfjorden wie Thingeyri, die jahrhundertelang vom Fischfang lebten, sind von ihrer wichtigsten Einkommensquelle abgeschnitten.

Verlierer

Niels Arsaelsson aus dem abgelegen Ort Tálknafjörður an der Westküste zählt zu den Verlierern des Systems. Der Isländer meint, bis in das Jahr 870 n. Chr. nachweisen zu können, dass seine Vorfahren Fischer waren. Mit ihm endet die Tradition. Arsaelsson besaß einen Betrieb mit mehreren Booten, sein Kapital reichte nicht, "um mit den Großen mithalten zu können". Erst verlor er Marktanteile, 2007 pfändete ihn die Bank. Seither schlägt er sich als Gelegenheitsarbeiter durch. Er hat sogar wieder etwas Geld, kann aber keine Fangquote am Markt erwerben.

Das neue Gesetz, das den Zorn der Branchengrößen hervorruft, soll Abhilfe schaffen. Erstmals möchte sich der Staat selbst eine Quote geben, um sie an Fischern wie Arsaelsson vermieten zu können. Zudem soll die Handelbarkeit der Quoten begrenzt werden. Und die Regierung möchte zur Sanierung des Haushaltes eine hohe Steuer auf die Fischereirechte erheben. Bisher wurden die Quoten für wenig Geld ausgegeben.

Der isländische Fischereiverband warnt, die Industrie werde durch den Eingriff zerstört. Fischer wie Arsaelsson unterstützen das Paket grundsätzlich, fordern aber noch weitergehende Eingriffe. Selbst das Parlament ist gespalten. Präsident Ólafur Ragnar Grimsson schlug vergangene Woche eine Volksabstimmung vor, um die Pattstellung zu beenden.

Wie der Konflikt auch ausgehen mag: Der Umgang Islands mit der Krise sorgt international für Diskussionen. Nobelpreisträger Paul Krugman empfiehlt der EU, sich das Modell anzusehen. Vor kurzem hat der Internationale Währungsfonds eine Analyse veröffentlicht. Titel des Papiers: "Islands unorthodoxe Politik weist einen alternativen Weg aus der Krise." (András Szigetvari, DER STANDARD, 16./17.6.2012)