St. Gallen - Die Ratingagenturen sollen durch ungerechtfertigte Herabstufungen die Eurokrise maßgeblich angetrieben haben. Das geht aus einer neuen Studie der Schweizer Ökonomen Manfred Gärtner und Björn Griesbach von der Universität St. Gallen hervor.

Die Autoren haben mittels der Daten von 25 OECD-Ländern im Zeitraum von 1999 bis 2011 untersucht, inwiefern die Einschätzungen von Ratingagenturen wie etwa Fitch sich auf die Zinsraten der analysierten Staaten auswirkte. Sie kamen zum Schluss, dass der Effekt der Ratings auf das Zinsniveau sogenannte multiple Gleichgewichte auslöste.

Multiple Gleichgewichte sind ein Phänomen im Markt für Staatsanleihen. Gibt es ein gutes Gleichgewicht, profitiert das als sicherer Schuldner geltende Land von tiefen Zinsen und guten Ratings. Bei einem schlechten Gleichgewicht wird das Land als nicht sicherer Schuldner gesehen - die Folgen sind hohe Zinsen und rasant fallende Ratings, die Gefahr einer Pleite erhöht sich drastisch. Zwischen diesen Gleichgewichten liegt eine Insolvenzschwelle. Kommt ein Staat über diese Schwelle, driftet er in Richtung Insolvenz und kann ohne fremde Hilfe nicht mehr gerettet werden.

Geringe Fehleinschätzung mit großer Wirkung

Laut den Autoren könnten bereits "geringe Fehleinschätzungen" der Ratingagenturen die Insolvenzgefahr massiv erhöhen. Dabei seien Länder mit nur einem A-Rating stärker gefährdet, bereits bei geringen Signalen auf schlechtere Zinsen oder Ratings in den Insolvenzsog zu geraten. Das treffe weniger auf Staaten mit Triple-A zu, doch wenn diese etwa versehentlich um vier Stufen auf A plus herabgestuft würden, könnte auch diesen die Pleite drohen.

Nach der Studie wurden Euro-Krisenländer wie Griechenland von den Ratingagenturen nicht nur viel strenger als alle anderen behandelt, sondern auch willkürlich und zu weit herabgestuft. Die massiven Downgrades zwischen 2008 und 2011 hätten in keiner Relation zur Wirtschaftslage oder den Staatsfinanzen gestanden.

So verschlechterte sich Griechenlands Rating in dieser Zeit um zwölf Klassen, hätte aber nur um 0,14 Stufen sinken sollen. Auch Portugal (acht statt 0,5) Irland (sieben statt 1,5) und Spanien (drei statt 0,5) seien von den Ratingagenturen falsch herabgestuft worden, so die Ökonomen. Die Downgrades hatten die Zinsen in diesen Euroländern in die Höhe schnellen lassen und somit die Krise dort stark angeheizt.(doda, DER STANDARD; 26.7.2012)