Alle glauben jetzt, die Kärntner Verhältnisse einschätzen zu können, nachdem ihnen die Gebrüder Scheuch die Augen geöffnet haben. Sie haben das auch schon geglaubt, als ihnen Jörg Haider stets aufs Neue die Augen öffnete, und dennoch kommt es immer wieder zu Diskrepanzen über die Frage, was Kärnten, außer pleite, sei. So hieß es Donnerstag im "Kurier": "Kärnten ist schon lange das Sizilien Österreichs". Im folgenden Kommentar wurde dieser originelle Gedanke nicht näher als mit der Frage und ihrer vagen Beantwortung ausgeführt: "Kärnten, das Sizilien Österreichs? In einem gewissen Sinne ja." Den Begriff auch auszuschreiben, der zu "Sizilien" in Pawlow'schem Reflex assoziiert werden soll, sobald die Insel ins Gespräch kommt, war die Autorin zu scheu, stattdessen blickte sie zurück auf das Wirken der Landeshauptleute Leopold Wagner und Jörg Haider.

Kühn in die Zukunft hingegen blickte der Herausgeber von "Österreich" in seinem Kommentar: "Ist Kärnten bald Sizilien?" Wenn nicht einmal unter österreichischen Journalisten Einigkeit darüber herrscht, ob Kärnten nun "schon lange das Sizilien Österreichs" ist oder bald Sizilien wird, kann das nur zur Verwirrung der Leser beitragen. Wenigstens wurde in "Österreich" tiefer geschürft, so tief, bis man endlich auf den Kern jenes "Sizilien" stieß, das Kärnten erst werden soll: "Ja, weil originellerweise auf Uwe sein Bruder Kurt folgt - und die Methode, die Parteikassa in der Familie zu behalten, an mafiaähnliche Strukturen erinnert. Kärnten wird langsam Sizilien."

Nun baut man auch in Sizilien mit Vorliebe auf das Organisationsprinzip "Blut ist dicker als Wasser", und das gilt umso mehr, wenn es sich um rein arisches Kärntnerblut handelt. Nur keinen von außen heranlassen, und wenn die Kröten der Justiz noch so heftig drohen. Dennoch erscheint es übertrieben, von "mafiaähnlichen Strukturen" gleich darauf zu schließen, dass Kärnten "langsam Sizilien" wird. Die Gebrüder Uwe und Kurt erscheinen viel zu weich für ein Leben als Sizilianer, wie ihre zu Tränen rührende Geschichte von der Hofübergabe belegt.

Zum Glück wohnen sie im selben Haus, das macht einen Wechsel in der Landesregierung bei "mafiaähnlichen Strukturen" bequem. Noch leichter wär's gegangen, schliefen sie in einem Bett. Aber lesen wir, was Kurt in "Österreich" von dem Moment erzählt, in dem Uwe im Kärntner Trachtennachthemd an sein Bett trat. "In der Nacht zum Mittwoch hat er mich aufgeweckt bei uns zu Hause am Sternhof und hat mir seinen Entschluss mitgeteilt." Der Werwolf hätte zu dieser Szene am liebsten geheult, hätte er sich nicht vor dem "Reißwolf""Irgendwann läuft das Fass halt über, hat er gesagt", was den Verdacht nahelegt, die Geschichte Kärntens hätte einen anderen Verlauf nehmen können, wenn er statt zu Kurt einfach aufs Klo gegangen wäre.

Doch nur an Kurts Brust fand er die Bruderliebe, die er in dieser Nacht brauchte. "Uwe ist spät zu mir ins Zimmer gekommen. Er hat mich aufgeweckt und gesagt, dass er nicht mehr weitermachen will. "Die Hexenjagd gegen meinen Bruder war einfach zu viel", erkannte er sofort, obwohl Uwe vom Charisma einer Hexe nur wenig an sich hat. "Wir haben noch bis tief in die Nacht gesprochen, er war nicht mehr umzustimmen", und so musste das alles entscheidende Wort endlich fallen: ",Übernimm Du', hat er gesagt". Schon erschütternd, aber kaum sizilianisch! Die beiden rührseligen Typen, wo einer schon weich wird, nur weil ihn "die Medien über Jahre zum Verbrecher gemacht" haben und der andere gar die Pflicht verspürt, den Geist, den er dieser Regierung gegeben hat, weiterzutragen, sind unwürdig, "die Parteikassa in der Familie zu behalten".

Diese Weicheier in Trachtenschale sollten sich an einem wirklich harten Strukturfachmann ein Beispiel nehmen. Eine "News"-Mitarbeiterin musste wieder einmal bei Erwin Pröll auf der Matte stehen und dessen Anweisungen auf dem Umweg über die Öffentlichkeit an seine Partei herantragen. "Spindelegger muss die Moral einfordern, die er selbst lebt", sprach er sein Machtwort aus "Pröllistan", so nennen Kritiker das Land, was den Radlbrunner "überhaupt nicht berührt".

Wie Spindi es anstellt, von Ernst Strasser oder Rauch-Kallat die Moral einzufordern, "die er selbst lebt", muss Pröll nicht kümmern, wünscht er doch auch von der Kirche, "dass sie wieder stärker als moralische Instanz anerkannt wird." "Dabei", so "News", "könnte sich die Kirche bei Erwin Pröll abschauen, wie es geht". "Pröllistan" ist eben nicht Sizilien. (Günter Traxler, DER STANDARD, 4./5.8.2012)