Damaskus/Teheran - Der blutige Konflikt in Syrien wird immer mehr zum Pulverfass für die gesamte Region. Eine islamistische Aufständischen-Gruppe entführte am Samstag in Damaskus 48 Iraner, denen sie unterstellt, zumindest teilweise den Revolutionsgarden, Eliteeinheiten der iranischen Führung, anzugehören. Ein Video, das der saudische Nachrichtensender Al-Arabiya am Sonntag ausstrahlte, zeigt einen Teil der Entführten in der Gewalt der sogenannten Al-Baraa-Brigade der Freien Syrischen Armee (FSA). In der syrischen Wirtschaftsmetropole Aleppo hielten die Kämpfe unterdessen auch am Sonntag an.

In dem Video zeigt der Kommandant der Einheit, Abdel Nasser al-Shumair, ausweisähnliche Dokumente in die Kamera, die die Zugehörigkeit der Entführten zu den Revolutionsgarden beweisen sollen. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden. "Wir observieren die Iraner seit Monaten, seitdem wir von ihnen Kenntnis erlangt haben", sagte Shumair.

Gefechte in Aleppo

Iranische Medien hatten bereits am Samstag von der Geiselnahme berichtet, jedoch von Pilgern gesprochen, die entführt worden waren, als sie sich in einem Bus auf dem Weg zum Flughafen befanden. Am Sonntag erklärten dieselben Medien, der iranische Außenminister Ali Akbar Salehi habe seine Amtskollegen in der Türkei und Katar um Hilfe gebeten. Nach iranischen Angaben hielten sich die Entführten in Syrien auf, um dort das Grabmal von Sayyida Zaynab, der Tochter des Imam Ali - eine der wichtigsten Pilgerstädten der Schiiten - zu besuchen.

In der nordsyrischen Metropole Aleppo bekämpften sich Regierungstruppen und Aufständische unterdessen weiter heftig. Das Regime ließ das Viertel Salaheddin am Sonntag massiv mit Artillerie beschießen. In dem Stadtteil habe es auch Gefechte gegeben, teilten die Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London mit. Die Rebellen bereiten sich nach eigenen Angaben weiterhin auf eine großangelegte Militäroffensive vor. Nachdem es am Samstag auch in Damaskus zu heftigen Gefechten gekommen war, verkündete ein hochrangiger Offizier, die Armee habe wieder die Kontrolle über das gesamte Stadtgebiet übernommen.

Während die UNO am Samstag bekanntgab, die Hälfte ihrer 28 Beobachter aus Aleppo abgezogen zu haben - offiziell wegen des dort ausgefallenen Mobilfunknetzes - forderte der Golfstaat Katar ein geändertes Mandat für den Nachfolger des UNO-Sondergesandten Annan. "Der einzige annehmbare Auftrag ist, auf eine friedliche Machtübergabe in Syrien hinzuarbeiten", sagte der Premierminister von Katar, Scheich Hamad bin Jassem al-Thani, am Samstag dem TV-Nachrichtensender Al-Jazeera in Doha. Das Golfemirat Katar unterstützt gemeinsam mit Saudi-Arabien die syrischen Rebellen mit Geld und Waffen. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle forderte in einem Interview mit der Bild-Zeitung (Montag-Ausgabe) einen stärkeren Rückhalt des UNO-Sicherheitsrates für den Sondergesandten.

Zivilisten im Kreuzfeuer

Nach fast 17 Monaten Krieg gegen das eigene Volk gerät das Assad-Regime inzwischen auch wirtschaftlich in Bedrängnis. Wie russische Medien am Samstag berichteten, wurde eine Delegation aus Damaskus in Moskau vorstellig, um den Verbündeten Russland um finanzielle Hilfe zu bitten. Den Berichten zufolge gehen Syrien vor allem raffinierte Erdölprodukte wie Diesel aus. Die Delegation um Vizeregierungschef Kadri Jamil habe "eine gewisse Summe in harter Währung beantragt, um die komplizierte Lage in Syrien zu überbrücken", hieß es. Damaskus machte die westlichen Sanktionen für die wirtschaftliche Notlage verantwortlich. Syrien ist für Russland von strategischer Bedeutung, unterhält es dort doch seinen einzigen Militärstützpunkt im Mittelmeerraum.

Das Rote Kreuz forderte Regierung und Rebellen eindringlich auf, Zivilisten zu verschonen. "Wir rufen alle an den Kämpfen beteiligten Gruppen zur Beachtung der Pflichten auf, die sich für sie aus dem humanitären Völkerrecht ergeben", erklärte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) am Samstag in Genf und Damaskus. "Die Konfliktgegner müssen zu jeder Zeit zwischen Zivilisten und Kämpfern unterscheiden. Angriffe dürfen nur gegen militärische Einrichtungen geführt werden, niemals gegen Zivilisten oder zivile Einrichtungen wie Wohnhäuser, Schulen oder religiöse Stätten."

Humanitärer Korridor

Frankreich appellierte unterdessen an den UNO-Sicherheitsrat, mehr Nothilfe für die syrische Bevölkerung zu ermöglichen. Der französische UNO-Botschafter Gerard Araud sagte am Samstag dem Radiosender Europe 1, es sollte ein "humanitärer Korridor" eingerichtet werden. "Wir werden versuchen, Russland und China wenigstens bei den humanitären Fragen auf unsere Seite zu bekommen", betonte Araud, der seit Anfang August den Vorsitz im UNO-Sicherheitsrat innehat. Nach Angaben humanitärer Organisationen sind mehr als zwei Millionen Menschen von der humanitären Krise betroffen, die durch Kämpfe in etlichen Teilen des Landes verursacht wurde.

Kommenden Samstag will US-Außenministerin Hillary Clinton bei einem Treffen mit der türkischen Regierung in Istanbul über mögliche Lösungsvorschläge im syrischen Konflikt beraten, wie ihre Sprecherin am Sonntag während eines Besuchs der Ministerin im südafrikanischen Malawi mitteilte. (APA, 5.8.2012)