Sehr geehrter Herr Rauscher,

es ist erfreulich, dass sich ein High-Level-Journalist des Radfahrens annimmt. Sie haben in Ihrem Artikel zum Radfahren auch mit einer Sache völlig recht: Der Anteil von Idioten in jeder Gruppe von Leuten ist konstant. Also auch die Radfahrer sind eine Gruppe, die man kritisieren darf.

Rahmenbedingungen mitbedenken

Ganzheitlich betrachtet gibt es allerdings mehrere Probleme, wenn man sich auf die Radfahrer zu sehr einschießt und auf Rahmenbedingungen vergisst:

  • Im Falle eines Unfalls zieht im Bereich des stärksten menschlichen Bedürfnisses von allen, nämlich im Bereich des Überlebens, der Rad fahrende Mensch den Kürzeren - Auto fahrende Personen sind in dieser Rolle schlicht mächtiger.
  • Tödliche Unfälle oder Unfälle mit Schwerstverletzungen kommen praktisch ausschließlich in der Interaktion mit Autofahrern zustande, und natürlich auch eine sehr große Anzahl leichterer und mittelschwerer Unfälle.
  • Wer in diesen Fällen die Schuld hat, ist eben nicht klar: Unfalldaten sind rekonstruierte Daten und es ist meist nicht klar festzustellen, wie alles abgelaufen ist.
  • Empirische Daten über die Interaktion zwischen Autofahrern und Radfahrern liegen in Österreich nicht vor. In den Niederlanden hat man begonnen, Videoaufnahmen an Kreuzungen systematisch durchzuführen, und dort und in anderen Ländern werden systematische Verhaltensbeobachtungen im Rahmen von Forschungsprojekten durchgeführt; solche Studien helfen uns erst zu verstehen, wie bestimmte Prozesse ablaufen und welche Rolle dabei involvierte Personen spielen.
  • Inwieweit Radfahrer häufig "Ganoven" sind (wie in einer Zeitung ausgedrückt) oder ihr Verhalten ein mit dem Hundekot vergleichbar zu lösendes Problem ist, kann man nicht beurteilen, ohne ein halbwegs repräsentatives Bild zu haben (also, wie verhalten sich die Radfahrer eigentlich ...), das man mit repräsentativen Bildern von anderen Verkehrsteilnehmern vergleichen kann (... im Vergleich zu Autofahrern)?

Was wissen wir über deren Regelverletzungen, über deren Verhalten in Interaktionen mit Schwächeren etc. und über das, was dann als Konsequenz herauskommt (Verletzte, Tote, Unfallkosten usw.)?

Ohne wirkliche Fakten in der Hand

  • An gesammelten Daten haben wir die Unfalldaten, die habe ich oben erwähnt, und es gibt Statistiken über Regelverletzungen in vielen Ländern, auch in Österreich. Ein interessantes Datum ist da etwa, dass bei frei fahrenden Samples von Kraftfahrzeigen bis zu 80 Prozent im Stadtgebiet nicht die Limits einhalten. Inwieweit telefonierende Autofahrer, die rechts oder links abbiegen, die bei grün die Seitenstraße querenden Fußgänger und Radfahrer drangsalieren bzw. lebensbedrohend gefährden (so ist es nämlch de facto), ist aber leider auch nicht genau erhoben. Solche Studien werden nicht bezahlt, man entscheidet und urteilt daher in der Regel ohne Fakten in der Hand (da meine ich jetzt nicht unbedingt Sie, sondern eher die für den Verkehr Verantwortlichen).

Radler und Fußgänger haben auf der Straße zu wenig Platz

Aus meiner Sicht stellt sich die derzeitige Situation so dar:

  • Die Probleme kommen daher, dass wir schnelle und schwere Fahrzeuge auf der Straße haben, die allen anderen das Leben schwer machen. Nicht zuletzt auch dadurch, dass ihnen ein großer Teil des öffentlichen Raums zugestanden wird.
  • Die Folge: Fußgänger und Radfahrer bekommen zu wenig Platz bzw. müssen sich um diesen streiten.
  • Planung und Design für die schwächeren Verkehrsteilnehmer sind zum Teil eine Farce.
  • "Eiserne Regeln" wie dass ich bei Grün überqueren muss (weil ich anders gar nicht darf), führen zur Gefährdung (durch abbiegende Kfz - wie schon erwähnt); wenn mir aber Grün keine Sicherheit garantiert, was mache ich dann? Vielleicht sollte man das "ich" hier statistisch verstehen: Einem Teil wird das einfach zu blöd, und die fahren, wann es ihnen am besten geeignet erscheint - ist das nachvollziehbar?
  • Auch, dass man als eindeutig Schwächerer nicht in Schutz genommen, sondern angegriffen wird, ist keine Freude und hat Reaktanz zur Folge, und die Bereitschaft zur Freundlichkeit sinkt da beständig.

Gehen und Rad fahren: Nachhaltigen Aspekt bedenken

Warum setzen Sie sich nicht dafür ein, dass die, von denen die meiste Gefahr ausgeht, unter Kontrolle gebracht werden? Dass sich ein System etabliert hat, wo man die "Viechereien" mit dem Auto als naturgegeben annimmt, muss ja nicht bedeuten, dass es sich nicht dennoch um ein Problem handelt, dessen Lösung man jeden Tag stärker vor Augen haben muss, wenn man von Nachhaltigkeit und Ähnlichem redet und an ein angenehmes Leben in der Stadt denkt.

Warum stellen Sie Ihr journalistisches Können nicht zur Verfügung, die Behörden dafür zu kritisieren, welche verkehrstechnischen Bedingungen sie zulassen bzw. gerade den nachhaltigsten Fortbewegungsformen Gehen und Radfahren zur Verfügung stellen?

Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen,

Ralf Risser (Leserkommentar, derStandard.at, 6.8.2012)